Interview: Sandra (Autorin)

von Martin

Sandras Kinder Romy und Lenny sind kurz nach ihrer Geburt auf der Intensivstation verstorben. Ihre Trauer, ihren Schmerz und ihr Leid hat Sandra in einem Buch zum Ausdruck gebracht.

Wie alt warst du, als deine beiden Kinder gestorben sind und wie erinnerst du dich an ihren Tod?

Ich war 29 Jahre alt, als meine Zwillinge geboren wurden und nur wenige Stunden später verstarben. Ich erinnere mich an diesen Tag, als wäre es erst gestern gewesen, dabei liegen mittlerweile beinahe 11 Jahre dazwischen.

Woran sind Romy und Lenny gestorben?

Die beiden waren ganz kleine Frühchen… Sie kamen im 6. Schwangerschaftsmonat auf die Welt. Ihre Organe waren zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht ausgereift und zu schwach für ein Leben außerhalb meines Bauches. Romy verstarb eineinhalb Stunden nach der Geburt, Lenny folgte seiner kleinen Schwester elf Stunden später in den Himmel…

Als ich den Blog Dein Tod und ich übernommen habe, bin ich erstmals mit dem Begriff „Sternenkind“ konfrontiert worden. Kannst du erklären, was ein Sternenkind ist?

Sternenkinder sind – ganz allgemein formuliert – Kinder, die vor, während oder kurze Zeit nach ihrer Geburt verstorben sind. Ursprünglich bezeichnete der Begriff „Sternenkinder“ nur die Babys, die mit einem Geburtsgewicht von unter 500g auf die Welt kamen und still (also tot) geboren wurden. Der Begriff Sternenkinder etablierte sich aber in den letzten Jahren mehr und mehr. Heute unterscheidet man glücklicherweise nicht mehr und spricht bei allen Kindern, die bei ihrer Geburt den Schritt ins Leben nicht schafften oder kurze Zeit später verstarben von Sternenkindern. Für die Eltern sind all jene kleinen Wesen KINDER – egal wie groß, egal wie schwer sie bei ihrer Geburt waren. Und vor allem Dingen auch ungeachtet dessen, zu welchem Zeitpunkt die Schwangerschaft der Mama ein jähes Ende fand und ihr Baby als sog. „Sternenkind“ in den Himmel reiste.

Ich empfinde eine Art Unermesslichkeit.

Etwas, das so groß ist, dass es schwer zu beschreiben ist.

Liebe, Verbundenheit, Unendlichkeit.

Sandra

Was war für dich das Schlimmste am Tod der beiden und wie hast du es geschafft, damit umzugehen?

Puh… das ist eine schwierige Frage. Das Schlimmste für mich war, wie plötzlich ihr Tod in unser Leben krachte und mit welcher Wucht, und dass wir gar keine Möglichkeit hatten, uns auf dieses viel zu frühe Ende meiner Schwangerschaft vorzubereiten. Als mein Mann mich an diesem Tag „mit Bauchschmerzen“ in die Klinik fuhr, hätten wir niemals damit gerechnet, dass nur wenige Stunden später unsere Zwillinge auf die Welt kommen und wiederum nur wenige Stunden später bereits tot sein würden. Dieser abrupte Fall, vom höchsten Glück meiner Zwillingsschwangerschaft, in den größten Schmerz, den ein Mensch nur ertragen kann, dem Tod des eigenen Kindes – das war für mich das Allerschlimmste! Wie ich es geschafft habe, damit umzugehen…? Ich weiß nicht, ob ich es tatsächlich „geschafft“ habe – das würde ja voraussetzen, dass ich aktiv etwas dafür getan hätte, um mit diesem Schicksal klarzukommen. Aber das habe ich nicht, zumindest nicht bewusst. Wenn ich etwas GETAN habe, dann ist es, mir Zeit zu nehmen für mich, für meine Trauer. Ganz viel Zeit. Mehr konnte ich zum damaligen Zeitpunkt aktiv erst einmal gar nicht tun…

Du hast nach dem Tod deiner beiden Kinder den autobiografischen Roman „Wenn aus Trauer Liebe wird“ geschrieben. Warum? Von was handelt das Buch?

Gärtchen von Romy und Lenny

Das Gärtchen der
zwei Engel Romy und Lenny.

Ich hatte das Gefühl, den Tod unserer Kinder niemals überleben zu können und an all dem Schmerz zugrunde zu gehen. Doch was ich im Laufe der nächsten Monate, in denen ich all meine Gefühle der Trauer widerstandslos zuließ, erfahren habe, führte mich in eine Welt, von der ich nicht ahnte, dass sie überhaupt existierte. Ich fand auf meinem Trauerweg nicht nur zurück zu mir, in meine heilende Mitte, ich fand auf diesem Weg auch eine Art Untrennbarkeit… Eine Verbindung zu meinen Kindern, die auch auf irdische Art und Weise nicht tiefer hätte sein können. Und in dieser wachsenden Gewissheit, dass es meinen Kindern gut geht, in dieser Welt, in der sie nun leben, und von der aus sie mich begleiten und Wunder in mein Leben streuen, in dieser Zuversicht fand ich schließlich meinen Seelenfrieden und eine Liebe, die imstande war, „alles wieder gut werden zu lassen“ – mit meinen Kindern ganz fest in meinem Herzen. Mir war relativ bald klar, dass ich über diese Erfahrungen ein Buch schreiben müsste und dass es eines Tages an der Zeit wäre, dies zu tun. Romy und Lenny waren meine beiden Co-Autoren. Mit unserem Herzenswerk „Wenn aus Trauer Liebe wird“ konnten wir drei zusammen schon vielen Sterneneltern helfen und sie auf den Weg in ihre Kraft, in ihren inneren Seelenfrieden, führen…

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich würde nichts anders machen. Denn all diese Schritte waren notwendig. In der Trauer gibt es kein Richtig oder Falsch. Alles, was wir tun, und alles, was wir nicht tun, dient immer und in jeder Sekunde unserem eigenen Seelenwachstum. Davon bin ich heute überzeugt…

„Viele kleine Welten… in der einen lebt ihr.

In einer anderen wir.

Und doch gehören unsere Welten zusammen.“

Spruch auf dem Grabstein von Romy und Lenny

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Ich habe damals sehr viel Kraft bei einer Trauerbegleiterin gefunden, mit der ich mich regelmäßig getroffen habe, um meine ganzen verwirrenden und erdrückenden Gefühle auszusprechen, die mir völlig neu waren. Ich hatte bisher keine Erfahrungen in diesem unheimlichen Land der Trauer und fühlte mich häufig verloren und völlig orientierungslos. Meine Trauerbegleiterin gab mir das Gefühl, dass ich „richtig“ bin, egal wie „verrückt“ ich mich auch gerade fühlen mag. Und das war für mich sehr, sehr wichtig. Auch mein Mann war mir eine sehr große Stütze – bei ihm konnte ich sein, wer ich bin. Denn diese neue Sandra, die sich nach dem Tod meiner Kinder zeigte, die kannte ich nicht und es ist sehr beängstigend, sich als Fremde im eigenen Körper zu fühlen. Mein Mann gab mir das Gefühl, dass ich immer noch ICH bin. Zwar jetzt Mama von zwei Engeln, aber immer noch ICH. Und das gab mir die Sicherheit, die ich benötigte, um in diesem neuen Leben, „in meinem Leben danach“, nach und nach wieder Fuß zu fassen…

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Das kommt ganz darauf an, was er mich fragen würde…

Wie denkst du heute über deine Kinder und deren Tod?

Ich liebe meine zwei Kinder auf eine ganz tiefe, unzertrennliche Weise. Ich fühle mich ihnen sehr verbunden. Seit die beiden vor fast 11 Jahren verstorben sind, hatte ich nie das Gefühl, dass ich sie GANZ verloren hätte. Sie sind „immer da“, auf ihre Art. Und ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie sich so deutlich spürbar machen und ich ihrem Dasein auf diese zauberhaft tragende Weise vertrauen kann. Ich denke heute, dass ihr Tod kein Ende war – sondern der Beginn einer ganz besonderen Beziehung. Romy und Lenny haben viele Dinge auf der Erde ins Rollen gebracht, sie haben Wellen geschlagen mit ihrem wundervollen Leben, das so groß ist, dass es vielleicht gar nicht in zwei so kleine Körper gepasst hätte… Ich habe nicht das Gefühl, dass sie „einfach nur tot sind“ – sie sind so viel mehr lebendig, als wir es uns vorstellen könnten und ich bin einfach nur dankbar, dass ich die Mama dieser beiden Engel sein darf!

Wie hat dich der Tod von Romy und Lenny verändert?

In jeder Hinsicht… Sie brachten eine Liebe in mein Leben, die so pur und so groß ist, dass ich sie kaum mit Worten beschreiben könnte. Meine Zwillinge und ich sind Weggefährten, Freunde, Seelenverwandte, wir sind nicht „nur“ Mutter und Kind, sondern auch gemeinsam Reisende durch all die Gezeiten dieses Lebens. Sie sind mein Kompass. Meine himmlischen Begleiter. Heute bin ich fest in meinem Leben verankert und rage gleichzeitig bis hinauf in den Himmel – nämlich immer dann, wenn ich in dieses Gefühl komme, das die beiden mir von Anfang an zugeflüstert haben: „Alles ist gut, Mama. Alles ist gut.“ Romy und Lenny sind mein „Alles ist gut“, meine innere Ruhe. Durch sie finde ich oft Antworten auf Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden. …Hmmm, klingt das jetzt abgehoben? Mag sein, vielleicht ist es das auch irgendwie 😉 Als ich auf meinem Trauerweg irgendwann in diesen festen Glauben fand, dass es meinen Kindern WIRKLICH gut geht, dass sie WIRKLICH noch da sind, dass ich WIRKLICH ihre Nähe spüren und sogar mit ihnen sprechen kann, als ich WIRKLICH, so wirklich wirklich bei MIR ankam und dadurch spürte, dass alle Kraft der Welt, alle Liebe IN MIR liegt – da bin ich vielleicht wirklich ein wenig „abgehoben“. Nämlich hinauf in den Himmel, dorthin, wo wir die Engel vermuten… Und dennoch stehe ich mit einem Bein fest auf der Erde, nämlich dort wo ich zuhause bin, mit dem Rest unserer wundervollen Familie.

Sandra

Bitte verrate uns in 2-3 Sätzen, wer du bist, wie alt du bist, wo du lebst, was du beruflich machst – was du gerne über dich sagen möchtest.

Ich bin 40 Jahre alt, verheiratet und vierfache Mama mit zwei Kindern im Himmel, einem Kind, das aus dem Bauch einer anderen Frau als drittes Wunder in unser Leben gepurzelt ist und einem vierten Kind, das uns endlich vollständig machte. Wir sagen immer, wir sind eine große, bunte Patchworkfamilie! Unsere Zwillinge haben mich auf einen Weg gebracht, den ich als meinen Herzensweg bezeichne… Heute bin ich Autorin eines autobiografischen Buches zur Trauerbewältigung und Trauerbegleiterin für verwaiste Eltern beim Sternenkinderzentrum Bayern. Ich bin im Frieden mit mir und meiner Geschichte und weiß heute mit großer Gewissheit: „Ja, alles ist gut. Und wenn es das nicht schon immer war, dann ist es das spätestens jetzt…!“

Hier geht es zu Sandras Webseite: https://www.sandra-wagner-autorin.de/

Sandra findest du auch auf Instagram und Facebook. Informationen zu ihrem Buch gibt es in der Trauerbibliothek auf Dein Tod und ich. Hier geht’s zum Buch »

Porträtaufnahme und Gärtchenbild: © Sandra Wagner, mit freundlicher Genehmigung von Sandra hier veröffentlicht.


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