Interview: Kira (Trauerbegleiterin)

von Martin

Ein Interview mit Kira Littwin, der Gründerin der TrauerBAR in Hagen. Ein Ort der Begegnung, wo man eine Trauerfeier planen kann, mit Gleichgesinnten ins Gespräch kommt oder einfach bei einer Tasse Tee Musik hört.

Kira, du bist Trauerbegleiterin und freie Rednerin? Was macht eine Trauerbegleiterin?

Als Trauerbegleiterin bin ich für Menschen da, die sich in einer Trauersituation befinden, in der sie das Gefühl haben, stecken zu bleiben. Trauer kann nicht nur nach dem Tod eines geliebten Menschen oder Tieres entstehen. Auch nach einer Trennung von der:die Lebenspartner:in oder dem Verlust einer Arbeitsstelle oder einem Lebenskonzept (man möchte Kinder, kann aber keine bekommen) kann man trauern.

Ich begleite sie in dieser Trauer, höre zu, gebe Impulse, bin einfach nur da. Bei mir bekommt die Trauer einen Ort und eine Ansprechpartnerin. Bei mir dürfen sich Trauernde offen äußern über jegliche Gefühle, ohne Angst haben zu müssen, jemanden in ihrem näheren Umfeld zu belasten oder vor den Kopf zu stoßen.

Wenn man sich die Trauer als steile und lange Treppe vorstellt, bin ich gleichzeitig das Treppengeländer, welches Halt gibt und die kleine Verschnaufpause, bei der man neue Kraft tanken kann, um weiterzugehen.

Wie bist du Trauerbegleiterin geworden? Gibt es dafür eine spezielle Ausbildung?

Ich habe zunächst eine Weiterbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene besucht. Da zwischen Tod und Trauer ein direkter Zusammenhang besteht und ich die Menschen gerne auch nach dem Verlust eines geliebten Menschens begleiten wollte, kam es mir sehr gelegen, dass Kirsten Fay und Nicole Nolden, die Gründerinnen von Traube Köln e.V., eine Weiterbildung zur Trauerbegleitung im ambulanten Hospizdienst des Caritasverbandes Hagen anboten.

Nachdem ich diese Weiterbildung abgeschlossen habe, lasse ich mich zurzeit zusätzlich als Familientrauerbegleiterin bei Mechthild Schroeter-Rupieper ausbilden.

Ich fühle mich…

Ist es nicht sehr belastend, dauernd mit Trauernden in Kontakt zu sein und sich immer und immer wieder mit dem Tod zu beschäftigen?

Nicht nur, aber auch. Durch meine Weiterbildungen, meine gute Vernetzung und die stetige Auseinandersetzung mit mir und meinen Gefühlen zu bestimmten Thematiken, lassen sich Fälle, die sehr unter die Haut gehen, gut bearbeiten. Aber die Arbeit mit dem Tod und der Trauer bringt auch ganz viel Schönes mit sich. Es ist nämlich immer auch ein Umgang mit dem Leben- und zwar mit all seinen Facetten. Es wird viel erzählt, geweint, gelacht, erinnert. So ist die Arbeit sehr bereichernd.

Was macht deine Tätigkeit so besonders?

Ich kann Menschen in einer Zeit zur Seite stehen, in der sie kein Licht sehen. Und mit Geduld, offenen Ohren und weitem Herzen kann ich ihnen helfen, der Trauer einen Platz im Leben zu geben, der besucht werden kann, der da ist, aber nicht stört.

Ich lerne viel. Über mich, über das Leben, über die Liebe und den Tod. Ich schaffe Verbindungen.

Meine Tätigkeit macht mich dankbar und aufmerksamer auf all das, was uns umgibt.

Die Westfalenpost veröffentlichte im Januar 2021 einen Artikel über dich und deine Idee, einen Pop-Up-Store zu eröffnen. Was möchtest du genau machen und warum?

,,Damit beschäftige ich mich, wenn’s soweit ist.‘‘ Wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. Er kommt immer, wenn die Sprache auf Themen rund um Sterben, Tod und Trauer fällt. Sich mit dem Tod von geliebten Menschen und schlimmer noch mit der eigenen Sterblichkeit auseinander zu setzten, fällt vielen schwer. Es passt einfach nicht mehr in eine Zeit in der der medizinische und technische Fortschritt so weit ist, dass fast alles möglich scheint. Aber, dieser Fortschritt ist trügerisch, denn zu dem ein oder anderen Zeitpunkt ist eins ganz sicher. Eine Wahrheit, die für jeden und überall gilt, ganz unabhängig von Herkunft, Religion und Kontostand. Niemand kommt dran vorbei.

Wir werden sterben.

Jeder.

Jede.

Irgendwann.

Kira

Und wenn uns dieses Thema erwischt, sei es, weil wir einen geliebten Menschen verloren haben, oder weil wir selbst mit unserer Sterblichkeit konfrontiert werden, sind viele unvorbereitet, fallen in eine Schockstarre, wissen nicht, was sie tun oder sagen sollen. Dann wird geschwiegen, alles so schnell wie möglich hinter sich gebracht und versucht fix normal weiterzuleben. Aus Überforderung werden Kinder außen vorgelassen, die eigene Trauer wird unterdrückt.

Früher war das anders. Wenn man mit der älteren Generation vom Dorf spricht, hört man oft Geschichten, bei denen Verstorbene zu Hause im Wohnzimmer aufgebahrt wurden. Das ganze Dorf kam vorbei, verabschiedete sich, man aß und trank zusammen, die Kinder konnten die Verstorbenen berühren und so wortwörtlich begreifen. Der Tod gehörte dazu. Zum Leben.

Durch diese Zugehörigkeit war diese Angst, dieses schwarze Ungeheuer, mit dem man sich heutzutage lieber nicht beschäftigt, klein. Das heißt nicht, dass nicht getrauert wurde, oder dass die Angst nicht doch irgendwie da war, aber man hat zusammen dagegen gehalten, zusammen getrauert, trauern lassen ( Stichwort: das Trauerjahr in schwarz) und konnte dann, wenn man ,,fertig‘‘ war, wieder gut weiter machen.

Das ist verloren gegangen und führt zu Ängsten, Überforderungen, unterdrückter Trauer, Ausgeschlossenheit und und und.

Ich möchte helfen aufzuklären, die Themen Sterben, Tod und Trauer wieder in das Bewusstsein, ins Jetzt zu holen. Ich möchte versuchen, die Angst zu mindern und möchte dazu befähigen in Akutsituationen handlungsfähiger zu sein.

So entstand die Idee eines Ortes, der einen niederschwelligen Zugang zur Thematik bieten soll. Ein Ort, wo Kunst, Musik, Literatur, Information, Gespräch und Beratung stattfinden können und wo jeder und jede der bereit ist, sich damit zu beschäftigen einen Zugang für sich findet.

TrauerBAR

Die TrauerBAR soll ein Ort der Begegnung sein, ein Ort, wo man Bücher und Karten, Kerzen und Erinnerungshilfen bekommen kann, ein Ort, wo man eine Trauerfeier planen kann, mit Gleichgesinnten ins Gespräch kommt oder einfach bei einer Tasse Tee Musik hört und durch Literatur blättert.

Dieser Ort nimmt in der TrauerBAR Gestalt an. Was zunächst als temporäres Projekt geplant war, hat viel Zuspruch gefunden und kann so weitergedacht werden. Dieses Konzept soll sowohl dauerhaft installiert werden, als auch ausleihbar gemacht werden. Ich bin sehr gespannt. Was da alles noch kommt.

Hier geht’s zum Artikel der Westfalenpost »

Auf deiner Webseite schreibst du, „…ich möchte Sie ausstatten mit einem ‚Erste-Hilfe-Set‘ für die Momente, in denen die Trauer überhandnimmt.“ Wie sieht solch ein Hilfe-Set aus?

Ich möchte mit Trauenden überlegen, was in Akutsituationen hilfreich sein kann. Das kann für jeden Menschen unterschiedlich sein. Zusammen packen wir dann eine individuelles Erste-Hilfe-Set.

In meinem Erste-Hilfe- Set sind eine Kerze und ein Feuerzeug, ein Zettel mit Sätzen, die mir helfen, eine schöne Erinnerung an die verstorbene Person, ein Packet Taschentücher, Weingummis, eine Notfallkontaktliste und eine Handlungsempfehlung (mache dieses Lied ganz laut an, Atemübungsanleitung, Gedankenübung etc.)

Wie dieses Set für die von mir begleitet Person aussieht, erarbeiten wir mit der Zeit zusammen. Ziel ist es schließlich, dass ich nicht mehr gebraucht werde und die trauernde Person dann allein auf überwältigende Momente reagieren kann.

Hast du dich schon auf deinen eigenen Tod vorbereitet?

Ja. Ich habe sowohl ein Testament als auch eine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. Ich habe außerdem aufgeschrieben, wie ich mir meine Beerdigung vorstelle. Im Rahmen meiner Ausbildung habe ich sogar mal einen Nachruf auf mich geschrieben. Das war eine ganz besonders emotionale Erfahrung. Aber all die Vorbereitungen lohnen sich. So habe ich mich nicht nur intensiv mit meiner eigenen Endlichkeit auseinandergesetzt, sondern nehme meinen Angehörigen im Falle meines Todes auch ein Stück der Verantwortung und der Entscheidungsfindung ab. So können sie ein bisschen leichter trauern und müssen sich nicht erst durch den bürokratischen Dschungel kämpfen.

Gibt es einen Todesfall, der dich besonders mitgenommen hat? Wie bist du damit umgegangen?

Privat war es der Tod einer auf Sumatra lebenden Freundin. Es war ein Unfalltod und sie war ein warmherziger und bunter Mensch in meinem Alter. Ich konnte mich wegen der Entfernung nicht ,,richtig‘‘ von ihr verabschieden.

Ich habe diesen Tod durch Schreiben verarbeitet. Mir hat es geholfen, meinen Gefühlen einen kreativen Ausdruck zu verleihen.

Beruflich gab es den eine oder anderen Tod, der mich sehr mitgenommen hat. Hier hat es mir geholfen, mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen auszutauschen und auch diese Verstorbenen bewusst zu verabschieden (zum Beispiel durch einen Besuch am Grab).

Was können Trauernde tun, um mit ihrer Trauer klarzukommen und wieder in ihr Leben zurückzufinden? Welche Hilfe empfiehlst du?

Am wichtigsten ist es, seine Trauer nicht zu unterdrücken. Denn eins ist klar, sie kommt früher oder später raus, und dann aber laut und heftig.

In der Trauer ist alles erlaubt. Lachen, weinen, schreien. Es gibt kein Falsch oder Richtig. Trauer ist auch nicht plötzlich irgendwann vorbei, sondern verändert sich, wird weniger oder wandelt sich in Erinnerung.

Mein Tipp: Sei gnädig zu dir selbst. Gibt dir Zeit. Finde deinen Weg. Gib der Trauer Raum. Schaffe dir Rituale (zünde zum Beispiel eine Kerze an, zu einer bestimmten Zeit am Tag, das kann helfen, der Trauer einen Ausdruck zu geben, sodass sie dich nicht ungewollt überrollt) Suche dir ggf. andere Trauernde, mit denen du über deinen Verlust reden kannst. Oder wende dich an eine:n Trauerbegleiter:in.

In der Trauer darf auch gelacht werden; gibt es eine schöne und lustige Anekdote, die du erzählen möchtest?

Wenn ich ein Trauergespräch zur Vorbereitung auf eine Beerdigung führe, frage ich immer wieder auch nach den Macken oder seltsamen Eigenschaften der Verstorbenen.

So wird erzählt, dass das Lieblingsessen Spaghetti mit Kondensmilch war und alle schütteln sich ein bisschen bei der Vorstellung. Oder es wird lachend erzählt, wie der Sohn es immer geschafft hat, beim Kartenspielen zu schummeln.

Wenn ich diese Anekdoten dann auf der Trauerfeier wiedergebe, ist es schön zu sehen, dass die Angehörigen manchmal laut loslachen.

Die Rückmeldung: Danke, dass es nicht so steif war. Genau so war unser Sohn/Papa… Es hat gut getan auch mal wieder lachen zu können.

Wie oben schon gesagt, jedem Tod geht ein Leben voraus. Und dieses ist gespickt mit lustigen Geschichten, skurrilen Begegnungen und ganz viel Liebe.

Bitte verrate uns in 2-3 Sätzen, wer du bist, wie alt du bist, wo du lebst, was auch immer du über dich erzählen möchtest.

Kira Littwin

Ich heiße Kira Littwin und bin 32 Jahre alt. Ich wohne und arbeite in Hagen, der Stadt, die genau zwischen Sauerland und Ruhrgebiet liegt, bin aber deutschlandweit tätig. Ich habe immer Musik im Ohr, mag das Gefühl von Sand zwischen den Zehen, hab den Sommer ein kleines bisschen lieber als den Winter und liebe die kleinen Dinge, wie Pfützen, die wie Herzen geformt sind und wenn es nach Regen riecht.

Hier geht es zu Kiras Webseite: Trauerreden, Trauerbegleitung, Beratung (kira-littwin.de)

Kira findest du auch auf Instagram und Facebook.

Porträtaufnahme, TrauerBAR-Logo und Instagram-Bild: © Kira Littwin, mit freundlicher Genehmigung von Kira hier veröffentlicht.

Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier nicht um bezahlte Werbung oder Empfehlungen für bestimmte Organisationen, Firmen oder Personen. Jeder, der möchte, kann auf Dein Tod und ich seine Geschichte erzählen.

Hinterlasse einen Kommentar

Informationen, was mit deinen eingegebenen Daten passiert, kannst du in den Datenschutzhinweisen nachlesen. Einen Link findest du unten auf dieser Seite. Dein Name, deine Webadresse und dein Kommentar werden veröffentlicht. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem Sternchen gekennzeichnet.

Aus Datenschutzgründen verwendet diese Webseite nur essentielle und notwendige Cookies; keine Werbe- oder Tracking-Cookies. Okay Weitere Informationen

Hinweis zu Cookies