Interview: Miri (28)

von Martin

Miri verlor im Alter von 26 Jahren ihren Vater und knapp ein Jahr später ihre Mutter. In diesem Interview erzählt sie uns über ihr Verhältnis zu ihren Eltern und wie sie deren Tod und ihre Trauer überlebt hat.

Was für Menschen waren deine Eltern?

Meine Mama war der herzlichste und liebevollste Mensch, den ich kenne. Sie hatte selbst schon viel Schlimmes in ihrem Leben erlebt, aber hat sich das meist nicht anmerken lassen.

Mein Papa war ein typischer Papa, der immer lustige Sprüche auf Lager hatte und spontan bei jeder verrückten Idee dabei war. Sie waren beide schon etwas ältere Eltern und haben mich mit 37 Jahren bekommen.

Welche Bedeutung hatten deine Eltern in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Da ich Einzelkind bin, glaube ich, dass meine Eltern stets eine große Rolle für mich gespielt haben. Als sich allerdings meine Eltern trennten, ich war ungefähr 13 Jahre alt, zerbrach das gute Verhältnis zu meinem Papa. Er hatte meine Mama damals für eine andere Frau verlassen. Wir haben nie wirklich darüber geredet und schwierigen Themen ist er immer ausgewichen. Anfangs haben wir uns ca. alle zwei Wochen gesehen, als ich dann zum Studieren weggezogen bin, waren es am Ende irgendwann nur noch zwei bis drei Mal im Jahr. Ich hatte das Gefühl, ich bin ihm egal und keiner seine Anrufe oder Treffen kamen mehr vom Herzen, sodass ich mich auch nach und nach weniger gemeldet habe und das ganze Verhältnis etwas im Sand verlaufen ist.

Meine Mama wurde durch die Trennung alleinerziehende Mutter und mein sicherer Hafen. Das war allerdings nicht gleich so. Wir mussten nach der Trennung erst neu zueinanderfinden und uns sortieren. Erst jetzt im Nachhinein denke ich oft, dass ich es ihr nicht leicht gemacht habe als Teenager, doch sie hat mit ihrem großen Herzen alles geschafft. Als wir uns wieder angenähert haben, fingen wir an, zusammen in den Urlaub zu fahren und Ausflüge zu machen. Auch als ich ausgezogen bin, haben wir so gut wie jeden Tag telefoniert und uns oft am Wochenende getroffen. Wir haben versucht zwei mal im Jahr zusammen einen kleinen Urlaub zu machen und haben das auch bis zu ihrer Krankheit so gemacht. Wir hatten einfach die gleichen Vorstellungen und jeder Urlaub war unglaublich schön.

Ich vermisse es, keinen Geburtstagskuchen mehr von meiner Mama bekommen zu können. Sie hat mir jedes Jahr einen mit ganz viel Liebe fürs Detail gemacht.

Miri

Wie alt warst du, als sie gestorben sind und wie erinnerst du dich an ihren Tod?

Als mein Papa gestorben ist, war ich 26 Jahre alt. Ich lag vormittags im Bett, um für eine Klausur in der Uni zu lernen, als ich den Anruf einer unbekannten Nummer bekommen habe. Irgendwie dachte ich sofort “vielleicht ist mit Papa was passiert?”. Ich bin aber erst mal vor Schreck nicht rangegangen. Dann kam eine Nachricht, dass eine Mitteilung auf der Mailbox hinterlassen wurde. Ich habe sie angehört und seine neue Frau hatte gesagt, ich soll sie bitte zurückrufen. Es klang sehr ernst. Als ich sie dann zitternd zurückrufen wollte, war besetzt. Als ich dann noch mal angerufen habe, ging seine Frau ran und überbrachte mir die schlimme Nachricht. Ich habe keine Luft bekommen, bin zu Boden gesunken und habe irgendwie noch gefragt, ob ich sie zurückrufen kann. Meine Mama stand in diesem Moment neben mir und hat mich dann umarmt. Ich habe sofort meinen Freund versucht zu erreichen, der aber erst nach 3, 4 mal rangegangen ist.

Meine Mama ist knapp ein Jahr später gestorben, als ich 27 war. Ich war bei ihr auf der Intensivstation als sie nach vier Tagen im Krankenhaus um 17.15 Uhr verstorben ist.

Woran sind deine Eltern gestorben?

Mein Papa hatte einen Hinterwandinfarkt. Er war immer sehr fit, schlank, aktiv und ich hätte niemals damit gerechnet, dass er mit 63 Jahren so plötzlich sterben könnte. Er war mit seiner Frau zu Hause, sie hatten sich unterhalten und plötzlich ist sein Kopf einfach zur Seite gekippt. Sie konnte sofort Hilfe rufen und hat Reanimationsmaßnahmen durchgeführt, aber nichts hat ihm mehr geholfen.

Meine Mama hatte schon immer gesundheitliche Probleme, wobei ich sie so gut unterstützt habe wie möglich. Als sie sich eines Tages im Garten an der Treppe ihr rechtes Bein leicht aufgeschürft hatte, ist sie vorsichtshalber zum Hausarzt. Doch die Wunde wurde von Woche zu Woche und Monat zu Monat größer und nach einem Jahr ging es sogar auf das zweite Bein über. Dies passiert scheinbar öfter, wenn die Durchblutung durch eine Wunde geschwächt ist und so das zweite Bein auch schwächt. Wir waren bei zahllosen Ärzten, Krankenhäusern, Heilpraktikern, keiner konnte uns sagen, warum die Beine nicht verheilen. Dann musste auch ein ambulanter Pflegedienst täglich kommen, um ihr die Beine frisch zu verbinden. Nach knapp zwei Jahren, in denen meine Mama nur Schmerzen hatte und kaum mehr Laufen konnte, kamen Bakterien in die Wunde am rechten Bein. Sie hat mich am Morgen des 9. Januars 2020 angerufen, dass es ihr nicht gut geht und ich kommen soll. Ich habe inzwischen mit meinem Freund ca. 30 Minuten entfernt gewohnt. Da ich zu dem Zeitpunkt selbst eine Mandelentzündung hatte, ist mein Freund mitgekommen, um nach ihr zu schauen. Sie musste sich übergeben und wir haben gar nicht an die Wunden gedacht, sondern dachten, sie hätte vielleicht einen Magen-Darm Infekt. Ich bin den Vormittag über bei ihr geblieben, weil nachmittags der Hausarzt kommen sollte, um nach ihr zu schauen. Als sie sich auf den täglichen Besuch des Pflegedienstes vorbereiten wollte und den Verband abgenommen hat, haben wir gesehen, dass ihr ganzes rechtes Bein schwarz-blau verfärbt war. Ich bin sofort mit ihr und meinem Freund in die behandelnde Uniklinik gefahren. Nach langem Warten und vielen Komplikationen, weil beispielsweise die Notaufnahme überfüllt war, stellte sich heraus, dass sie eine starke Sepsis hat. Der Arzt meinte zu mir “Es kann alles passieren heute Nacht.”. Sie kam auf Intensivstation und ich durfte erst nach einer Stunde wieder zu ihr und auch nur für 20 Minuten. Ich habe ihr gesagt, dass sie eine Blutvergiftung hat, aber ob sie das so richtig realisiert hat, weiß ich nicht. Wir haben noch zusammen gebetet und mein Freund und ich haben die ganze Nacht vor der Tür gewartet, ich musste mich ein paarmal fast übergeben und habe geschwitzt, mein Körper war am Ende. Dann sind wir morgens kurz heim, um zu duschen und Sachen zu packen und waren dann wieder im Krankenhaus vor der Intensivstation. Als die Besuchszeit um 15 Uhr losging, durften wir erst etwas später zu ihr, da sie noch untersucht wurde. Dies war das letzte Mal, dass ich mit ihr sprechen konnte, aber ich wusste es zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich habe mich von ihr verabschiedet und gesagt, ich komme in zwei Stunden zur zweiten Besuchszeit um 18 Uhr wieder zu ihr. In der Zwischenzeit hat sie einen Herzstillstand erlitten, wurde aber wieder reanimiert. Danach wurde sie intubiert und ich konnte nicht mehr mit ihr sprechen. Als das passierte, waren mein Freund und ich gerade eine Runde vor dem Krankenhaus spazieren. Am nächsten Tag durfte ich auch außerhalb der Besuchszeiten zu ihr und war ca. 6 Stunden an ihrer Seite, habe ihr vorgelesen und Lieder vorgespielt. Am vierten Tag im Krankenhaus meinten die Ärzte dann, dass sich ihre Blutwerte nicht verbessern, das Antibiotikum nicht anschlägt und ihre Organe versagen. Nach der Aussegnung durch eine Pfarrerin wurden die Geräte abgestellt und nach 1 Stunde und 15 Minuten ist meine Mama dann leider gestorben.

© Miri, Instagram @traudichtrauern

Was war für dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

In Bezug auf meine Trauer um meinen Papa war das Schlimmste für mich, dass so viel Unausgesprochenes zwischen uns stand. Seine Schwester und seine Frau fingen sofort an, mir ein schlechtes Gewissen einzureden, dass ich mich ja so selten gemeldet habe. Ich hatte seit der Trennung keinen Kontakt zu seiner Familie und auch nicht zu seiner neuen Frau und war komplett überfordert mit der Wut, die sie auf mich hatten. Das hat mir komplett den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich durfte ihn auch nicht mehr tot sehen oder etwas an der Beerdigung mitentscheiden, alles haben seine Schwester und seine Frau übernommen. Auch alle seine persönlichen Sachen haben sie für sich behalten und alles, was ich nach langem hin und her bekommen habe, waren zwei Pullover von ihm. Das hat mir das Abschiednehmen erschwert. Ich habe dann auch den Kontakt zu seiner Familie wieder abgebrochen, da ich gemerkt habe, es tut mir nicht gut und seitdem läuft alles über meine Anwältin. Ich bin dann zu einer Trauerberaterin, weil es mir sehr schlecht ging und mich das mit seiner Familie zusätzlich belastet hat. Schlimm war es auch, dass sein Tod so plötzlich kam und ich mich nicht annähernd vorbereiten oder verabschieden konnte. Meine Mama ist zwar auch plötzlich ins Krankenhaus gekommen und diese vier Tage auf der Intensivstation waren zwar die Schlimmsten meines Lebens und ich habe Albträume davon, aber ich konnte mich wenigstens in den schlimmen Stunden bei ihr sein.

Als meine Mama gestorben ist, dachte ich, ich wüsste in etwa, was jetzt auf mich zukommt, weil ich ja erst kurz vorher Papa verloren habe. Aber die Trauer war und ist noch mal komplett anders. Nach beiden Todesfällen habe ich jeweils 5-10 Kilo abgenommen und Haarausfall bekommen, der Rest war aber sehr unterschiedlich. Nach Mamas Tod konnte ich eigentlich zwei Monate nicht wirklich aus dem Haus. Ich habe so geschwitzt nur vom Schlafanzug ausziehen, dass ich mich danach am liebsten wieder ins Bett gelegt hätte. Auch nach ihrem Tod bin ich zur gleichen Trauerberaterin wie nach Papas Tod. Diesmal konnte sie mir aber nicht so gut helfen, weil sie mir nach sechs Monaten schon Mut machen wollte, positiv in die Zukunft zu schauen und meinte, dass ich an Heiraten oder Kinderkriegen denken soll. Das war allerdings alles so weit von mir entfernt, dass ich dann zu einer anderen Trauerberatung gegangen bin, wo ich mir mehr Zeit nehmen konnte. Nach einem Jahr bin ich dann zu einer Psychotherapeutin, wo ich auch immer noch in Behandlung bin. Sie hilft mir, die traumatischen Bilder vom Krankenhaus zu verarbeiten.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich hätte mehr auf mich selbst hören und mich nicht zu Treffen mit Freunden “zur Ablenkung” einlassen sollen, obwohl mir gar nicht nach Ablenkung war. Ich habe nach und nach gemerkt, wem ich mich anvertrauen kann, aber habe auch gemerkt, dass ich sehr vieles mit mir selbst ausmachen muss, weil es meine Freunde nicht nachvollziehen können. Erst war ich wütend deswegen, aber inzwischen weiß ich, dass es die meisten nur gut meinen. Dennoch sind einige Freundschaften zerbrochen, was mich nach wie vor neben der Trauer zusätzlich sehr beschäftigt. Ich fühlte mich einfach so sehr alleine und einsam, dass ich am Anfang gar nicht gesehen habe, dass es doch Leute gibt, die für mich da sind.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Als Allererstes mein Freund. Er hat mich nie verurteilt, egal wie schlecht es mir ging oder wie komisch ich mich verhalten habe. Wenn ich mitten beim Essen anfangen musste zu weinen, war das ok für ihn. Wenn ich zu treffen mit Freunden nicht mitgehen konnte, hat er es verstanden. Als mein Papa gestorben ist, hat meine beste Freundin es nicht so richtig verstehen können, warum mir das so nahe geht, sie fand es komisch, weil ich so selten von ihm erzählt habe und dachte, er ist mir egal. Dennoch war sie dann nach dem Tod meiner Mama sehr für mich da.

Außerdem hat es mir geholfen, wenn Leute sich ab und zu gemeldet haben, auch wenn von mir keine Antwort kam und sie direkte Angebote zum Treffen oder Telefonieren gemacht haben. Da man als Trauernder selbst nicht weiß, was man will, ist das oft am einfachsten. Zusätzlich habe ich online und über Social Media Kontakt mit anderen Trauernden aufgenommen. Das hat mir etwas Mut gegeben, weil man sieht, dass auch andere Verluste erleiden und es schaffen, damit umzugehen.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Hör auf dich selbst und tu dir so viel Gutes wie nur möglich. Kauf dir alles, worauf du Lust hast, iss Schokolade und vor allem: Nimm dir Zeit! Ich arbeite auch jetzt noch nicht mehr als 20 Stunden, weil ich es einfach nicht schaffe. Oft habe ich finanzielle Sorgen oder habe Angst, mir meine berufliche Karriere zu verbauen, aber was nicht geht, geht einfach nicht. Das hat lange gedauert, bis ich das akzeptieren konnte. Außerdem: Sucht euch Hilfe, wenn ihr gerne mehr Unterstützung hättet. Ich habe durch meine Anwältin, Trauerberaterin und Psychotherapeutin jetzt einige starke Frauen hinter mir stehen, die mich unterstützen. Es hat oft Überwindung gekostet, diese Schritte zu gehen, aber ich bin sehr froh, sie in meinem Leben zu haben. Oft tut es doch gut, einfach seine Gedanken auszusprechen und nicht Angst haben zu müssen, eine Freundschaft würde das nicht aushalten.

Wie denkst du heute über die Verstorbenen und ihren Tod?

Der Tod meiner Eltern kommt mir sehr sinnlos und unfair vor. Wenn ich andere an Muttertag oder Weihnachten sehe, frage ich mich, warum es meinen Eltern nicht vergönnt war, diese Tage weiterhin zu erleben. Warum sie nicht Großeltern werden durften oder an meiner Hochzeit sein werden.

An meine Mama denke ich ständig. Sie fehlt mir in jeder Lebenslage und ich wünschte oft, ihren Rat bekommen zu können. Es tut mir wahnsinnig leid, dass eine so tolle Frau, die ihr ganzes Leben nur kämpfen musste, solche Schmerzen hatte und ihr keiner helfen konnte. In vielen Sachen verstehe ich meine Mama jetzt viel besser als früher und ich würde ihr das so gerne sagen. Ich war einfach sehr überfordert mit ihrer Pflege und dem plötzlichen Tod meines Papas, dass es mir oft leidtut, dass ich sie mit meiner Trauer über Papa belastet und mich zu wenig um sie gekümmert habe. Ich merke schon, wie ich auch immer öfter an sie denke und nicht nur Schmerz empfinde, sondern auch dankbar bin, sie überhaupt für viele Jahre an meiner Seite gehabt zu haben. Dennoch fehlt sie mir einfach sehr.

Wie hat dich der Tod deiner Eltern verändert?

Ich habe plötzlich so viele Gefühle, die ich vorher gar nicht kannte. Ich merke sofort, mit wem ich über Trauer oder meine Eltern reden kann und kann Situationen schnell einschätzen. Die Leute, die in dieser Zeit für mich da waren bzw. noch da sind, denn nach anderthalb Jahren nach Mamas Tod ist die Trauer immer noch präsent, werde ich nicht mehr gehen lassen und sind mir unglaublich wichtig. Ich merke außerdem, dass ich viel empathischer geworden bin und sensibler. Ich habe gelernt, Nein zu sagen, und wenn ich auf etwas keine Lust habe oder es mir nicht guttut, mache ich es nicht. Das habe ich mich früher oft nicht getraut. Auch in großen Gruppen fühle ich mich nicht mehr oder noch nicht wohl. Am liebsten treffe ich mich mit einer Person alleine. Ich merke, wie mir alles sehr viel Kraft kostet und alles viel anstrengender ist als vor den Todesfällen und ich muss im Moment lernen, mich nicht zu übernehmen.

Bitte verrate uns in 2-3 Sätzen, wer du bist, wie alt du bist, wo du lebst, was du beruflich machst – was du gerne über dich sagen möchtest.

Mein Name ist Miri, ich bin 28 Jahre alt und wohne in Bayern. Ich bin Marketing Managerin in einem Start Up-Unternehmen.

Miri findest du auf Instagram unter dem Account @traudichtrauern

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