Interview: Elisabeth (Trauerrednerin)

von Martin

Elisabeth lebt in Berlin und ist freie Rednerin für Trauerfeiern, für Hochzeiten und Kinderwillkommensfeste. In diesem Interview erzählt sie einiges über ihre Tätigkeit als Trauerrednerin.

Was für eine Aufgabe hat eine Trauerrednerin?

Eine Trauerrednerin findet die richtigen Worte in Momenten des Abschieds, wo einem selbst oft die Worte fehlen. Dafür hört sie erstmal zu. Und führt ein ausführliches Gespräch mit Familie und Freunden des oder der Verstorbenen. Das ist der Raum für all die kleinen Erinnerungen, Anekdoten und Momente, die man gemeinsam erlebt hat.

Danach verfasst eine Trauerrednerin die Rede und führt am Tag der Trauerfeier durch die Zeremonie. Dort ist dann auch Platz für individuelle Abschiedsrituale, für eventuelle Redebeiträge der Angehörigen und natürlich für Musik. Nach der Zeremonie geht die Trauerrednerin zusammen mit den Anwesenden ans Grab und leitet (wenn gewünscht) bei der Beisetzung durch den letzten Abschied.

Warum erzählen die Familienangehörigen oder Freunde nichts selbst über den:die Verstorbene:n und warum engagieren sie eine Außenstehende?

Es gibt Trauerfeiern, die komplett von den Freunden und der Familie des oder der Verstorbenen gestaltet werden. Ich finde das toll, denn das kann auch ein sehr heilsamer Moment sein für die eigene Trauer. Doch für die meisten Menschen ist es gar nicht so einfach, in so einer emotional fordernden Situation Worte zu finden und die Beziehung zu der geliebten Person in all ihren Facetten zu beleuchten.

Daher engagieren viele eine Außenstehende, also eine Trauerrednerin. Sie würdigt dann anhand der Beschreibungen das Leben des Menschen, von dem sich die Gäste verabschieden müssen, so dass sich die Trauernden ganz auf das Abschiednehmen fokussieren können. Eigene Redebeiträge können natürlich auch auf Wunsch in die Zeremonie eingebaut werden.

Ist es nicht sehr belastend, laufend mit Verstorbenen und deren Angehörigen in Kontakt zu sein und sich immer und immer wieder mit dem Tod zu beschäftigen?

Tatsächlich definiere ich für mich meinen Beruf so, dass ich sehr viel Zeit und Energie in die Gestaltung einer Rede und Zeremonie stecke. Und da fließen natürlich auch viele Emotionen ein und man muss die vielen Schicksale, die in den Geschichten stecken, auch tragen können. Daher höre ich regelmäßig in mich rein, wie oft ich einen Auftrag annehmen kann, so dass ich meine Balance behalte.

In meinen Reden spreche ich auch nicht nur über den Tod, sondern viel mehr über das Leben. Es geht bei einer Abschiedsfeier meiner Meinung nach darum, dem Menschen, der von uns gegangen ist, zu gedenken, sich seiner/ihrer und all der Spuren, die er/sie in uns hinterlassen hat, zu erinnern. Und prinzipiell gibt mir diese Arbeit mit der Nähe zum Tod auch sehr viel Dankbarkeit für mein eigenes Leben und für die Gesundheit meiner Angehörigen.

„Eines Tages werden wir alle sterben,
aber an allen anderen Tagen nicht.“

Was macht deine Tätigkeit so besonders?

Ich empfinde es als unglaubliches Privileg, so nah an den großen emotionalen Momenten anderer Menschen sein zu können. Man geht sehr schnell eine sehr vertrauensvolle Beziehung miteinander ein. In meinen vorherigen Jobs war mir am Ende des Tages die Wirkung der getanen Arbeit nie wirklich klar. Jetzt kann ich mir kaum mehr Wirkung vorstellen, als das Leben eines Menschen zu würdigen und anderen Menschen dabei zu helfen, Abschied zu nehmen, und irgendwann neben der großen Trauer auch Dankbarkeit zu spüren.

Wie bist du Trauerrednerin geworden? Gibt es dafür eine spezielle Ausbildung?

Schon seit meiner Kindheit befasse ich mich vollen Herzens mit Worten und Texten. Ich habe dann auch beruflich viel mit Sprache und Kommunikation zu tun gehabt. Als mein Vater vor ein paar Jahren verstarb, hatten wir eine sehr persönliche und individuelle Abschiedsfeier. Mit der Hilfe einer einfühlsamen Bestatterin haben wir eine ganz besondere Zeremonie gestaltet. Ich habe die Rede selber verfasst und gehalten. Dieser Tag ist trotz des großen Schmerzes zu so einer wichtigen und schönen Erinnerung geworden. Ich möchte mit meiner Arbeit nun dabei helfen, auch anderen Familien und Freundeskreisen so einen Abschied zu ermöglichen.

Als mir mein Ziel klar war, habe ich mich dafür entschieden, zuerst eine Ausbildung bei einer Redneragentur zu absolvieren. Das ist prinzipiell nicht notwendig, um in dem Beruf zu arbeiten. Es hat mir aber sehr viel Sicherheit gegeben. Einfach, weil das ja schon ein sehr sensibler Bereich ist und man auch sehr viele Dinge falsch machen kann. Von erfahrenen Trauerrednern zu lernen, war für mich auf jeden Fall der beste Einstieg.

Wie bereitest du dich auf eine Trauer- bzw. Grabrede vor?

Ich führe im Vorhinein ein langes Gespräch mit Familie und Freunden des oder der Verstorbenen. Ich frage darin vor allem nach den Details in den Geschichten und Erinnerungen. Welchen Film habt ihr dabei gesehen? Welches Lied wurde gespielt? Was habt ihr gegessen und getrunken? Was hat er oder sie immer gesagt? Was war ihr oder ihm wichtig und warum? Ich brauche die kleinen Details, um das Wesen des Menschen und die Beziehungen um ihn/sie herum einzufangen.

Dann breite ich zuhause all meine Notizen aus und nehme mir Zeit. Das Schwierigste für mich ist es, den Einstieg in eine Geschichte zu finden. Manchmal ist es ein Bildnis oder eine Textpassage oder ein Lied. Wenn ich das einmal habe, dann läuft alles und ich schreibe und schreibe. Ich höre dabei emotionale Musik, um in die richtige Stimmung zu kommen. Oder wie soll ich sagen, damit mein Herz sich öffnet. Ich fühle mich dann in diesen Stunden sehr verbunden mit dem verstorbenen Menschen.

Vor der Trauerfeier spreche ich mir die Rede dann einige Male vor, damit ich möglichst frei rede und nicht vom Blatt ablese.

„Deswegen priorisiere ich Momente mit Menschen um mich herum, denn das sind am Ende die, die das Leben ausmachen: Die Momente voller Leben.“

Beschäftigst du dich mit deinem eigenen Tod? Viele Menschen sind sich nicht bewusst, dass ihr Leben eine Endlichkeit hat.

Ich beschäftige mich wahrscheinlich weit mehr mit meinem eigenen Tod als andere Menschen das tun, weil mir meine Endlichkeit sehr bewusst ist und ich dadurch keine Träume oder Ziele aufschiebe. Ich habe auch kürzlich damit angefangen, all die Dinge für den Fall meines Sterbens zu organisieren. Stichwort: Patientenverfügung, Testament etc. Ich möchte nicht, dass meine Angehörigen im Fall der Fälle ein Chaos hinter mir aufräumen müssen.

Ich glaube aber, dass es trotz dieses Bewusstseins auch wichtig ist, eine gesunde Balance zu behalten. Denn wie sagte schon Snoopy: „Eines Tages werden wir alle sterben, aber an allen anderen Tagen nicht.“

Gibt es einen Todesfall, der dich besonders mitgenommen hat? Wie bist du damit umgegangen?

Tatsächlich war die erste Trauerfeier, die ich direkt nach meiner Ausbildung gestaltet habe, für einen Freund von mir. Er war kein sehr enger Freund, aber sein früher Unfalltod mit nur 30 Jahren ist mir ziemlich nahe gegangen. Dadurch war die Vorbereitung der Zeremonie auch sehr energiezehrend. Gleichzeitig war es für mich ein guter Weg der Verarbeitung. Und ich habe dann während der Trauerfeier auch geweint, weil ich natürlich nicht den emotionalen Abstand hatte, wie das sonst der Fall ist. Aber ich bin sehr dankbar, dass ich die Kraft hatte, diese Zeremonie für uns alle zu gestalten.

Was können Trauernde tun, um mit ihrer Trauer klarzukommen und wieder in ihr Leben zurückzufinden? Welche Hilfe empfiehlst du?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Weil jeder unterschiedlich mit Trauer umgeht und jeder seinen eigenen Weg finden muss. Ich glaube das wichtigste für mich ist: darüber sprechen. Ich selbst habe meine Trauer sehr lange verdrängt. Und ich habe viele Menschen kennengelernt, die erst nach Jahrzehnten nach einem Verlust angefangen haben, darüber zu reden. Aber Trauer geht ja nicht weg, nur weil man sich nicht mit ihr beschäftigt. Egal wieviel Zeit schon vergangen ist, Trauer muss irgendwann verarbeitet werden.

Es ist wahrscheinlich das emotional Schwierigste, das ein Mensch in seinem Leben durchmachen muss: Mit dem Verlust eines geliebten Menschen zu leben. Und damit geht es uns allen gleich. Es gibt so viele Angebote: Trauerspaziergänge oder Trauergruppen oder sich therapeutische Unterstützung zu suchen. Wenn ich etwas empfehlen würde, dann den Mut, solche Angebote auch anzunehmen.

In der Trauer darf auch gelacht werden. Gibt es eine schöne und lustige Anekdote, die du erzählen möchtest?

Es heißt zwar „Trauerfeiern“ und es wird immer von „Trauerreden“ gesprochen, doch es geht ja vor allem um das Leben des oder der Verstorbenen. Und dazu gehören viele lustige Erinnerungen. Also darf bei einer Trauerfeier meiner Meinung nach durchaus geschmunzelt und gelacht werden. Denn Trauer hat viele Facetten.

In den Vorgesprächen mit den Familien und Freunden herrscht meistens nach einer gewissen Zeit der Annäherung eine sogar fast ausgelassene Atmosphäre. Man merkt richtig, wie Dankbarkeit Einzug hält, wenn die Menschen über den geliebten Menschen reden. Wenn sie sein oder ihr Bild zeichnen und die Erinnerungen miteinander teilen. Und das sind auch genau die Dinge, die den Menschen lebendig halten.

Elisabeth Mandl

Bitte verrate uns in zwei bis drei Sätzen, wer du bist, wie alt du bist, wo du lebst, was auch immer du über dich erzählen möchtest.

Ich bin Elisabeth Mandl, 33 Jahre alt und lebe in Berlin. Ich bin freie Rednerin für Trauerfeiern, für Hochzeiten und Kinderwillkommensfeste. Ich versuche mein Leben so zu leben, dass ich keine Möglichkeit auslasse, nichts auf die lange Bank schiebe und am Ende nichts bereue. Deswegen priorisiere ich Momente mit Menschen um mich herum, denn das sind am Ende die, die das Leben ausmachen: Die Momente voller Leben.

Hier geht es zu Elisabeths Webseite: Trauerrednerin finden | Elisabeth Mandl (deinezeremonie.de)
Elisabeth findest du auch auf Facebook, Instagram und Pinterest.

Porträtaufnahme: © Elisabeth Mandl, mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth veröffentlicht.

Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier nicht um bezahlte Werbung oder Empfehlungen für bestimmte Organisationen, Firmen oder Personen. Jeder, der möchte, kann auf Dein Tod und ich seine Geschichte erzählen.

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