Interview: Nicole (47)

von Martin

Nicoles Partner und Ehemann Marcus verstarb im September 2019 an Lungenkrebs. Die beiden hatten nach der Diagnose noch genau 143 Tage Zeit. In diesem Interview erzählt Nicole ihre Geschichte.

Nicole, was für ein Mensch war dein Mann?

🖤 Im Sternzeichen Waage geboren, war Marcus ein Einzelgänger mit zwei treuen Freunden aus dem Kindergarten fest verbunden.

🖤 Marcus war ein sehr nachdenklicher Mensch. Probleme bewältigte er auf seine eigene Art und Weise in einsamen Spaziergängen und in seiner Werkstatt; er hatte das Holz für sich entdeckt und konnte wunderschöne Möbel bauen. Weitreichende berufliche Entscheidungen traf er sehr schnell und konsequent. Privaten Konflikten ging er gerne aus dem Weg und manchmal dauerte es ein paar Tage, bis Probleme mit ihm besprochen werden konnten.

🖤 Er hatte noch viele Träume und Wünsche für sein Leben, für unser Leben. Oftmals sah er uns alt und mit weißen Haaren im Wald spazieren gehen. Hand in Hand mit zwei Hunden an der Seite.

🖤 Liebevoll, fürsorglich, immer um unser Wohl bedacht, unerschrocken, er hat viele seiner Grenzen bis ans Äußerste ausgetestet und er war wunderschön und sexy.

🖤 Marcus liebte Musik und seine HiFi-Geräte über alles, er liebte das Kochen und Backen und kreierte wunderbare Gerichte, Kuchen und Torten.

🖤 Er war aber auch ein Mensch, der das Chaos verbreitete und liebte.

🖤 Marcus war selten krank und wenn, war sein Leitsatz: „Was alleine kommt, geht auch alleine“

Nicole und Marcus

Welche Bedeutung hatte Marcus in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

🖤 Das Wort „hatte“ ist schlimm, denn Marcus ist noch immer alles für mich.

🖤 Marcus war mein Freund, mein Partner, meine Ehemann, mein Liebhaber, meine Liebe und mein Leben, mein Sinn und mein Halt. Mein Universum in seiner ganzen Form.

🖤 Wir haben uns 1989 kennengelernt, durch meinen ersten Mann Michael, seinen Freund. Wir waren oft zusammen, haben einiges in unserer Jugend erlebt. Sehr viele schöne Erinnerungen sind für mich geblieben.

🖤 Diese lange Freundschaft wurde zur Liebe und seit dem 3. Juli 2009 waren wir ein Paar. Wir liebten uns sooo sehr und oftmals hatten wir Tränen in den Augen, wenn wir uns nur ansahen, auch nach 10 Jahren noch; einfach, weil wir soviel Liebe füreinander empfanden, dass es mit Worten nicht zu beschreiben war. Wir waren dankbar, dass es „UNS“ gab.

🖤 Wir waren unkompliziert, Marcus nahm mich, wie ich war, ich durfte endlich ich selbst sein und umgedreht war es genauso. Klar, es gab manchmal auch Diskussionen und Streit, aber wir schafften es, das Positive für uns daraus zu ziehen und uns weiter zu lieben.

🖤 Wir haben beide viel gearbeitet, ich im 3-Schichtdienst in der Intensivpflege, Marcus in einer Zimmerei, mein Sohn musste zur Arbeit gefahren werden, der Haushalt musste geschmissen werden, aber wir haben es geschafft.

🖤 Durch alte Beziehungen geprägt wussten wir unser gemeinsames Familienleben zu schätzen und waren immer, wirklich immer füreinander da. Wir konnten uns blind aufeinander verlassen. Die Geburtstage, Wochenenden, Feiertag und Urlaube gehören uns als Familie und als Paar. Wir verbrachten oft zweisame Nächte mit Musik, mit Gesprächen, mit Romantik und Liebe.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

🖤 Als Marcus starb, war ich 45, er war nur 10 Monate jünger.

🖤 Wir wussten ja, dass nicht viel Zeit bleibt. Er war zu Hause, sein Wunsch, als ich nachts wach wurde und bemerkte, dass er sich auf seiner letzten Reise befindet. Ich war sehr ruhig, ich machte Kerzen an, sein Lieblingsräucherstäbchen und Musik. Ich legte mich neben ihn und sprach mit ihm. Er wusste am Freitag, dass er gehen würde, sein „Gute Nacht“ war anders, dafür dankte ich ihm. Seine Eltern und sein Bruder kamen, Palliativo Main-Saale-Rhön waren am Nachmittag noch mal da. Ich war sehr unruhig und konnte kaum klar denken, unsere Pastoralreferentin brachte mir Essen.

🖤 Marcus half mir auch diesen Tag zu überstehen. Gegen fünf war das Haus leer, ruhig und wie für unseren Abschied gemacht. Ich setzte mich zu ihm. „Musik an, Welt aus.“ Räucherstäbchen und meine unendlichen Liebe. Ich hielt seine Hand und irgendwann machte er seine Augen auf, sah mich an. Friedlich, ruhig, leise, eins mit sich und in sich ruhend verstarb er. Ich wollte, dass er bei mir bleibt. Er durfte mich nicht alleine zurücklassen. Ich weinte und schrie, flehte ihn an bei mir zu bleiben. Doch ich machte ihn hübsch, kleidete ihn an, summte die Musik mit und weinte.

Woran ist er gestorben?

Marcus starb an multiplem Organversagen durch metastasierendem Lungenkrebs, ein nichtkleinzelliges Adenokarzinom im linken unteren Lungenlappen mit befallenem Lymphstamm, Metastasen in Leber und Nebennieren. Palliative Bestrahlung und Chemotherapie, die er aber nach schlimmen Komplikationen abgebrochen hat.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft, damit umzugehen?

🖤 Meine Welt, mein Leben, meine Zukunft ist zusammengefallen, das Fundament meines Lebens ist weg. Es gibt Tage, da klappt es einigermaßen durch Strukturierung und ganz viel sich selbst in den Hintern treten. Aber die Tage der tiefen Trauer, der unstillbaren Sehnsucht, der Tränen und der Liebe, die nicht weiß wohin, sind immer noch so präsent und nicht immer ist es leicht, damit umzugehen.

🖤 Ich rede jeden Tag mit Marcus, immer und überall und ich weiß, dass er mein Sehnen hört und fühlt. Er ist immer bei mir und ich warte auf den Tag, an dem wir uns wiedersehen, in den Arm nehmen und küssen und reden können. Das ist meine Hoffnung, mein Glaube und meine Liebe.

🖤 Ich habe einen unwahrscheinlich starken Sohn, namens Marcel. Er ist mein Halt hier auf der Erde, meine lieben Eltern, unbezahlbare Freunde, einen superguten und empathischen Arzt und meine nicht mehr wegzudenkende Psychologin.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer gerne anders gemacht?

Gerne hätte ich früher angefangen zu schreiben, Tagebuch, Erinnerungsbuch, Trauerbuch.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Erinnerungen, davon lebt mein Herz und meine Seele

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Leben, lieben, lachen, letzte Wünsche erfüllen, sich Erinnerungen schaffen, um danach zu überleben. Die Krankheit, der Tod darf nicht dominieren, aber ich war dankbar, vorbereitet zu sein.

🖤 Wir haben alles besprochen, Schmerzlinderung, Sedierung in den letzten Stunden, kleiner Kreis nach dem Tod, Kleidung, Bestattung, Musik, Waldfriedhof, Baum aussuchen, Sterbebild, Trauerrede hat Marcus damals selbst mit der Pastoralreferentin besprochen. Er hatte klare Vorstellungen und ich habe alle seine Wünsche erfüllt.

Wie hat dich der Tod von Marcus verändert?

🖤 Ich bin ängstlicher geworden, noch sensibler und lebe sehr zurückgezogen. Ich bin noch mitten in meiner Trauer und versuche mich wieder zu finden.

Magst du uns auch etwas über den Tod deines ersten Ehemanns erzählen?

🖤 Marcels Papa war meine erste Liebe. Wir haben es nicht geschafft, unsere Ehe zu erhalten, die Trennung galt für uns als Paar nicht für uns als Eltern.

🖤 Michael starb 2009 nach einem Unfall. Er konnte sich nicht verabschieden. Wir waren versteinert, ungläubig und ich vermisse ihn. Marcel hört gerne unsere Geschichten der Liebe, der Vergangenheit.

Geht dir noch etwas durch den Kopf, was du gerne erzählen möchtest?

🖤 Wir wollten im November 2039 heiraten, da wären wir beide 66 Jahre alt; in einer kleinen Kapelle, auf einer Wiese mitten im Nirgendwo.

🖤 Wir haben geheiratet, am 30. August 2019. An diesem Tag haben wir unsere Liebe fest verbunden. Es war ein guter Tag und der letzte Tag an dem Marcus sein Bett verlassen hat. Unsere Hochzeitskleidung, Jeans und Bluse bzw. Hemd haben wir für die Beisetzung aufgehoben.

🖤 Seine Hände waren wunderschön, sie strahlten Kraft aus, vermittelten Ruhe und Geborgenheit, sie waren Heimat.

Bitte verrate uns in 2-3 Sätzen, wer du bist, wie alt du bist, wo du lebst, was du beruflich machst – was du gerne über dich sagen möchtest.

Nicole

Nicole, ich bin vor 47 Jahren in die Welt geboren worden. Marcel und ich wohnen in Sandberg, unserer Heimat in der Bayerischen Rhön. Ich bin ein Dorfkind mit Leib und Seele und liebe die Wunder der Natur. Ich bin Altenpflegerin und seit 5 Jahren in der Intensivpflege tätig, ich liebe meine Berufung an jedem Tag. Jeden Tag versuche ich in mein neues, anderes Leben zu kommen, mit oft kleinen Schritten und auch ab- und zu rückwärts, doch im ganzen möchte ich wieder ein Leben, mein Leben.

© Alle Fotos wurden mit freundlicher Genehmigung von Nicole veröffentlicht.


1 Kommentar

Martin 6. Mai 2021 - 18:38

„Marcus war mein Freund, mein Partner, mein Ehemann, meine Liebe und mein Leben, mein Sinn und mein Halt. Mein Universum in seiner ganzen Form.“ war einer der ersten Sätze, die Nicole mir schrieb. Er drückt für mich sehr viel Liebe und Zuneigung zwischen den beiden aus und hat mich sehr berührt. Ich musste ihn einfach auf das Titelbild zu diesem Interview setzen. Dir nochmals herzlichen Dank für deine Offenheit, Nicole!

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