Interview: Iris (58)

von Martin

Iris verlor vor zwei Jahren ihre Tochter Henrike durch Suizid. Die beiden hatten ein zutiefst nahes Verhältnis zueinander. Henrike war mit der wichtigste Mensch in Iris Leben.

Was für ein Mensch war deine Tochter Henrike?

Henrike war ein mitfühlender, sehr empathischer Mensch. Sie war jederzeit bereit, anderen zu helfen, zu unterstützen, wo immer sie jemand brauchte, war sie da.

Sie war in ihrer Kommunikation sehr direkt. Sie hat Fragen gestellt und auf Ungleichheit hingewiesen, sie litt unter der Ungerechtigkeit, die es in dieser Welt gibt. Schon als kleines Mädchen hatte sie Tränen in den Augen, als sie einen Mann auf der Straße betteln sah.

Henrike war eine Künstlerin. Sie malte.

Selbstporträt Henrike

Welche Bedeutung hatte deine Tochter in deinem Leben und wie würdest du
eure Beziehung beschreiben?

Henrike gehört zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Wir waren uns zutiefst nahe und ich bin sehr froh, dass wir so viel Zeit miteinander verbracht haben. Henrike hat mir viele Fragen gestellt und ich habe ihr mitgegeben, was ich wusste.

Ich wusste um ihre Sensibilität, aber auch um ihren starken Willen. Sie hat sich immer wieder ins Leben gestürzt, hat Neues ausprobiert, ist gereist, hat im Ausland gelebt, Freude und Liebe erfahren, aber auch Verletzungen.

Sie hatte eine ganz besondere Beziehung zu allen Tieren, besonders zu Pferden und zu unserer Hündin Lina. Lina ist Henrike ein paar Tage später gefolgt.

Iris und Henrike
Iris, Henrike und ihre Hündin Lina

Ich habe in einer sehr innigen Beziehung zu ihr gelebt. Und ich habe oft gedacht, dass ich diese Trennung nicht überleben kann. Dass ich es nicht schaffe, ohne sie weiter zu leben.

Wie alt warst du, als sie gestorben ist und wie erinnerst du dich an ihren Tod?

Als Henrike starb, war ich 56 Jahre alt. Sie wurde drei Wochen lang vermisst. Das war die schlimmste Zeit in meinem Leben. Da fehlen mir die Worte.

Woran ist Henrike gestorben?

Sie hat sich das Leben genommen.

Was war für dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast du es geschafft, damit umzugehen?

Sie zu verlieren, nicht mehr mit ihr sprechen können, lachen oder sie im Arm zu halten. Mir wurde immer wieder gesagt, ich müsse Rike loslassen. Den Wunsch danach, den musste ich loslassen. Das ist ein sehr schmerzlicher, grausamer und schwieriger Prozess. Ich habe mir erlaubt, sie so, wie es jetzt ist, da sein zu lassen. Ich kommuniziere weiter mit ihr; das ist das Einzige, was für mich funktioniert.

Und auch mein Mann und unsere Tochter Anna machen es ähnlich. Wir sprechen täglich über sie, denn sie bleibt immer ein wichtiger Teil von uns.

Den Weg finden

Ich bin geirrt und geflohen. Bin aufgebrochen und habe Neues entdeckt. Ich habe Menschen verlassen und Menschen haben mich verlassen. Ich habe neue Menschen kennengelernt und sie haben mich kennengelernt. Ich bin verrückt geworden und genesen. Habe mir Dinge eingebildet und meinen Horizont erweitert. Ich war die Größte in meiner Vorstellung, obwohl ich so klein bin. Ich war ein Nichts in meiner Vorstellung, obwohl ich so viel bin.

von Henrike Schmidt

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Wahrscheinlich würde ich mich noch besser schützen vor den vielen Fragen. Wenn so etwas passiert, dann denkt jeder, er hätte etwas dazu zu sagen; über Henrike und über uns. Alles wird öffentlich auseinandergenommen, weil alle nach Antworten suchen. Aber auf der Verstandesebene gibt es keine Antworten, da gibt es nur Ohnmacht und Verzweiflung. Da kommt zu dem eigenen Schmerz und der eigenen Ohnmacht auch die der Anderen. Das hat mich über meine Grenzen hinaus gefordert.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Gute Freunde, unsere lieben Nachbarn, auch viele Freunde von Henrike, mit denen ich immer noch in Kontakt bin, mein Mann und unsere Tochter Anna. Der jährliche Gottesdienst, den wir auf unsere Weise für Henrike gestalten wo wir in ihrem Namen zusammenkommen.
Wir haben dies zusammen geschafft und uns nicht in Schuldzuweisungen verloren. Geholfen hat uns auch regelmäßig zu meditieren, Umarmungen und das Wissen damit nicht allein zu sein. Nicht nur ich habe sie verloren, nein, wir ALLE.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Vergebung, denn Schuld ist hier ein großes Thema. Natürlich habe ich mich schuldig gefühlt. Und dieses Gefühl der Schuld oder des nicht genug seins, kann immer wieder aufflackern. Deshalb ist es wichtig, diesem Thema auch jederzeit Raum zu geben.
Es ist meiner Erfahrung nach etwas übergriffig, sich selbst so zu belasten. Und damit in meinem Fall Henrike zu reduzieren, als wäre sie allein abhängig von dem wie ich bin. Sicher, meine Tochter war als kleines Kind abhängig von mir und auch später hat sie meine Nähe und meinen Rat gesucht. Neben dieser Beziehung zu mir, gibt es unzählige Faktoren in und außerhalb von ihr.

Ich wünsche mir das Gefühl von Zugehörigkeit.
Gemeinschaft. Von einer Gruppe, die mich mitträgt.
Von ZUSAMMENHALT
Together.
Zusammengehörigkeit.

von Henrike Schmidt

Wie denkst du heute über deine Tochter und ihren Tod?

Ich bin in erster Linie dankbar. Dankbar, sie geboren zu haben. Da sie bei uns war. Da ist so viel Liebe in mir.

Aber auch viel Trauer die bleiben wird, eben weil sie nicht mehr hier ist. Das geht nicht weg, das bleibt und ich werde weiter täglich lernen müssen damit zu leben.

Anzunehmen, dass sie ihren Weg gegangen ist.

Maske, Gott, Dios | von Henrike Schmidt

Wie hat dich der Tod von Henrike verändert?

Der Tod von Henrike hat mich präsenter gemacht. Ich kann in meiner Trauer versinken, und eigentlich aufhören zu leben, oder ich kann (wie es auch meine Tochter getan hat) aufstehen und weiter gehen und über meine Erfahrungen berichten. Über Henrike reden und damit über ein Tabuthema. Und wenn der Tod an sich schon ein Tabuthema ist, dann spreche ich also über ein doppeltes Tabu. Ich fühle eine Kraft in mir, die ich vorher so nicht kannte. Ich weiß, Henrike hätte das Gleiche auch für mich getan.

Was geht dir durch den Kopf? Eine Frage? Etwas Ungesagtes, das du vielleicht gerne noch persönlich gesagt hättest? Ein besonderer Moment, an den du dich erinnerst?

Ja, durch unsere Freunde in Ecuador haben ich begonnen, Spanisch zu lernen. Henrike übte ein paar einfache Sätze mit mir. Wir liefen den Strand in Bahia entlang und sie sagte: „El conductor conduca el caro.“, „Der Fahrer fährt das Auto.“ Nach ihrem Tod lass ich in einem Buch über das Sterben: Unsere Körper sind wie Autos, irgendwann verlassen wir diese Hülle; bleiben aber „Fahrer“. Dieser Satz kommt mir häufig in den Sinn. Und ihr Lachen. Rike hat oft und gerne gelacht. Der Klang ihrer Stimme, wenn sie sagte, Mama…

Zusammen, juntos

Wir sehen uns, all unsere Namen haben wir uns genannt.
Wir haben sie geschrien oder gesungen, gelacht oder getanzt.
Wir haben uns überall gesucht und überall gefunden.
Wir sind nicht mehr allein, erleben den Tanz gemeinsam.
Haben alle Ängste sein lassen und unsere Schicksale verbunden.
Wohin will mein Herz? Wohin will es gehen, was will es noch sehen was?
Oder will es nur zurück? Zurück zu dir und/oder vor allem zurück zu mir?

von Henrike Schmidt

Bitte verrate uns in 2-3 Sätzen, wer du bist, wie alt du bist, wo du lebst, was du beruflich machst – was du gerne über dich sagen möchtest.

Ich bin Iris Schmidt, 58 Jahre alt. Ich lebe zusammen mit meinem Ehemann 60 km südlich von Berlin in einem kleinen Dorf namens Glashütte. Mein Mann ist Keramiker, ich habe vor Henrikes Tod als Familientherapeutin gearbeitet. Nach längerer Pause werde ich nun beginnen, mein Wissen und meine Erfahrungen mit Menschen zu teilen, die ähnlich schwere Erfahrungen gemacht haben.

Den Weg finden | Finding the Way | von Henrike Schmidt

Alle Bilder und Zitate sind dem Buch „Die Farben des Lebens – eine Einladung bewusster und liebevoller zu Leben“ von Henrike Schmidt und Iris Schmidt entnommen; mit freundlicher Genehmigung von Iris Schmidt.

Bilder und Zitate: © Iris Schmidt


4 Kommentare

Katharina Philipp 21. März 2021 - 19:58

Ich wünsche dir viel Kraft deine Erfahrungen weiter zu geben. Katharina

Antworten
Martin 21. März 2021 - 20:46

Die vielen bunten Bilder bringen viel Farbe in die Trauer. So empfinde ich das. Sehr schön! Vielen Dank Iris und herzliche Grüße Martin

Antworten
Martin 21. März 2021 - 20:48

Und das Zitat „Den Weg finden“ hat mir sehr, sehr gefallen! „Ich habe Menschen verlassen und Menschen haben mich verlassen. Ich habe neue Menschen kennengelernt und sie haben mich kennengelernt.“ Durch meinen Blog „Dein Tod und ich“ habe ich viele neue Menschen kennengelernt.

Antworten
Iris Schmidt 22. März 2021 - 10:56

Ja vielen Dank Martin,
Henrike hat uns viel hinterlassen,
vor allem ihre Herzlichkeit
und ich freue mich über sie
schreiben zu dürfen
das ihre Botschaft immer noch
andere Menschen erreicht.
ein großer Dank an Dich

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