Interview: Chris (Bestatter)

von Martin

Chris begann mit 17 Jahren eine Ausbildung zum Bestattungsfachberater; schon mit 13 hatte er viel über den Tod nachgedacht. Vor Kurzem erfüllte er sich einen jahrelangen Traum und gründete sein eigenes Bestattungsinstitut.

Chris, erzähle uns bitte, wie man als Dreizehnjähriger schon weiß, dass man Bestatter werden möchte. Viele Kinder in diesem Alter werden doch selten mit dem Tod konfrontiert. Und wie kommt man als Jugendlicher auf die Idee, ein Praktikum und eine Ausbildung in einem Bestattungsunternehmen zu machen.

Eine Erstursache gab es tatsächlich nie. Schon als kleines Kind habe ich viel über den Tod nachgedacht. Mich beschäftigte damals vor allem die Frage: „Was passiert mit uns nach dem Tod?“

Weder wurde ich im Familienkreis noch anderweitig mit dem Tod konfrontiert. Aber die Gedanken waren immer da. Ich spürte, dass das Leben, welches die Erwachsenen vorlebten und als „Normalität“ darstellten, auf keinem sicheren Boden steht. Sie leben, als gäbe es kein Ende, als wäre das Leben eine sichere dauerhafte Konstante und sie leben, als müsste man die Zeit nur irgendwie rumkriegen, bis Wochenende, Urlaub oder die Rente erreicht ist. Das wirkliche Realisieren des Todes erschien mir damals schon als Lösung für diesen, ich nenne ihn gerne „Zombiemodus“. Denn wenn einem bewusst wird, dass man selbst und alles um einen herum vergeht, wird man plötzlich wach.

Als durch Zufall in einem Gespräch in der Schule der Beruf des Bestatters erwähnt wurde, wurde ich hellhörig. Nach etwas Internetrecherche stand das erste Praktikum vor der Tür und es war sofort um mich geschehen. Ich wusste, dass dies mein Beruf wird. Man ist so nah dran an der Realität des Lebens und Sterbens, dass man dazu gezwungen wird „wach zu sein“, der Job ist sehr abwechslungsreich, kein Tag gleicht dem anderen und man kann wirklich etwas Gutes tun, denke ich. Man darf Menschen in dieser schweren Zeit unterstützen und ein Stück weit Halt bieten.

Wie bist du zu den asiatischen Kulturen und Weisheitslehren gekommen. Hatte dies etwas mit deinem Beruf zu tun?

Ja, als ich in meiner Ausbildung täglich nun wirklich Zeuge der Endlichkeit war und auch dadurch mit den verschiedensten Religionen & Ansichten in Kontakt kam, beschäftigte ich mich mit den verschiedenen Religionen. Als ich dann Buddhas Lehre kennenlernte, hatte es mich sofort gepackt. Ich spürte die tiefe Weisheit und sah, dass das Praktizieren dieser Lehre zu einem wirklich friedlichen & leidfreien Leben führte. Ich war sogar kurz davor, buddhistischer Mönch zu werden – Haare waren geschoren, in Deutschland alles verkauft oder verschenkt und das thailändische Kloster „Wat Pah Nanachat“ hatte mich aufgenommen. Ich merkte aber schon nach kurzer Zeit, dass ich als damals 21-Jähriger mir ein Leben ohne eine Frau an meiner Seite doch nicht so wirklich vorstellen konnte und so ging es zurück nach Deutschland und damit auch zurück in meinen Beruf.

Kann ein westlicher Bestatter die Kenntnisse über „fremde“ Kulturen in seinem Beruf anwenden? Haben Angehörige nach dem Verlust eines geliebten Menschen die Zeit und die Ruhe, sich darüber Gedanken zu machen? Hier in Deutschland muss die Beisetzung doch innerhalb eines festen Zeitplans ablaufen.

Eine Erdbestattung muss, je nach Bundesland, innerhalb von 7-10 Tagen stattfinden. Bei einer Feuerbestattung hat man gute 30 Tage länger, bis die eigentliche Beisetzung stattfinden muss.

Als Bestatter sehe ich es nicht als meine Aufgabe, eine bestimme Bestattungs- oder Abschiedsform zu „verkaufen“, sondern darüber aufzuklären, welche Möglichkeiten es gibt.

In einem ausführlichen Erstgespräch geht es um das Klären aller wichtigen Formalitäten und es geht darum, den Angehörigen ein Gefühl des „gut aufgehoben seins“ zu vermitteln. Die Angehörigen dürfen realisieren, dass sich das Bestattungsinstitut wirklich um alles kompetent kümmert und ihnen damit Raum für die Trauer geschaffen wird. Im Optimalfall haben die Menschen aus dem sozialen Umfeld Verständnis für die Situation und stellen keine Forderungen an den Trauerenden.

Mit diesem geschaffenen Freiraum können auch verschiedene Ideen für den Abschied durchdacht werden.

Wie sieht es mit Bestattungsverfügungen aus? Wissen Angehörige, wie eine Beisetzung ablaufen soll und was der/die Verstorbene für Wünsche hatte? Kannst du uns einen Rat geben, was wir als Lebende tun sollten?

Wer eine Bestattungsverfügung oder aber gar einen Bestattungsvorsorgevertrag abgeschlossen hat, der hat seinen Angehörigen ja einen Großteil der Entscheidungen bereits abgenommen.

In der Tat kommt es oft vor, dass die Angehörigen nicht wissen, was die verstorbene Person für Wünsche/Vorstellungen hatte, wenn in der Familie über dieses Thema nie gesprochen wurde. So wird oft nur spekuliert und es wird versucht, die „richtige“ Entscheidung zu treffen. Ich würde aus diesem Grund jedem empfehlen, dass er mit seinen Liebsten über dieses Thema spricht. Allein schon aus dem Grund, dass man dann niemanden diese schweren Entscheidungen auferlegt.

Was die Auswahl der Grabstelle betrifft, sollten nicht nur die Wünsche der Verstorbenen, sondern auch die der Angehörigen eine Rolle spielen. Oft ist zu beobachten, dass der Wunsch der Verstorbenen nach einer anonymen Grabstelle für die Hinterbliebenen ein großes Problem darstellt. Die Verstorbenen wollten oft nicht, dass jemand verpflichtet ist, sich um die Grabstelle zu kümmern, aber die Angehörigen wünschen sich einen festen Bezugspunkt für ihre Trauer und weitere „Beziehung“ zum Verstorbenen. Auf den meisten Friedhöfen gibt es mittlerweile Grabstellen, welche einen individuellen Anlaufpunkt geben und wo die Pflege vom Friedhof übernommen wird.

Wer sich zu Lebzeiten mit diesen Themen auseinandersetzt, kann so eine passende Entscheidung für alle Beteiligten finden.

Es gibt viele Vorschriften, wie eine Bestattung zu erfolgen hat. Welche Möglichkeiten haben Angehörige, um den Abschied individueller zu gestalten.

Diese vielen Vorschriften existieren oft nur in den Köpfen. Gewiss, einige Richtlinien gibt es. So herrscht in Deutschland die Bestattungspflicht, sprich, der Verstorbene muss an einem ausgewiesenen Ruheort bestattet werden.

Was jedoch die Gestaltung der Abschiedsfeier betrifft, gibt es beinah keinerlei Vorschriften. Selbstverständlich bestehen bei einer Feier am Sarg mehrere Einschränkungen als bei einer Abschiednahme an der Urne. In unseren Köpfen ist die Vorstellung fest verankert, dass eine Trauerfeier immer in einer Kapelle stattfindet, ein Redner die Eckdaten des Lebenslaufes runterrattert und vielleicht mal noch 3 Musikstücke gespielt werden.
Wo steht geschrieben, dass dies so sein muss?

Wenn wir jetzt mal von einer Urnentrauerfeier ausgehen: Was spricht dagegen, die Abschiednahme in den eigenen 4 Wänden oder im Garten zu gestalten? Im Wald, im Park, in der Lieblingsbar? Auch andere neutrale Räume, welche normalerweise für Hochzeiten etc. gebucht werden, können für Trauerfeiern gebucht werden. Der Ausrichtung einer Feier in diesen Räumen sind bedeutend weniger Grenzen gesetzt als in einer kirchlichen oder städtischen Friedhofskapelle.

So kann eine Feier beispielsweise mehrere Stunden gestaltet werden, jeder, der möchte, spricht ein paar Worte, Musik kann dauerhaft im Hintergrund gespielt werden, es kann eine Bewirtung organisiert werden, es kann zusammen getanzt, gelacht und geweint werden.

Ich möchte keine neuen Konzepte in die Bestattungskultur einbringen. Ich möchte alte Konzepte brechen und die Angehörigen dazu einladen, die Abschiednahme einfach echt und authentisch zu gestalten. Wir sind Menschen und es gibt kein Richtig und kein Falsch.

Was empfiehlst du Menschen, die in einer tiefen Trauer stecken. Was können Sie tun?

Allgemeine Empfehlungen kann ich nicht geben. Jede Persönlichkeit ist anders, jeder trauert anders. Und so ist auch die Herangehensweise an trauernde Menschen für den Begleiter jedes Mal eine andere. Wenn ich es dennoch verallgemeinern müsste, dann würde ich raten, auf das eigene Herz zu hören und jeden Ratschlag, welcher mit „du musst“ beginnt, zu ignorieren. Unser Innenleben weiß genau, welches der richtige Umgang ist. Laut losheulen, schreien, auf der Abschiedsfeier tanzen, singen, beten oder was auch immer. Tief in uns steckt das Wissen, was richtig ist. Wir werden lediglich gestoppt von der Angst, dass wird dies nicht dürfen oder aber, dass die anderen negativ über uns denken könnten.

Ein Buchtipp diesbezüglich wäre: „Meine Trauer wird dich finden“ von Roland Kachler.

Du hast Anfang des Monats dein eigenes Bestattungsinstitut in Magdeburg gegründet. Magst du uns darüber erzählen?

Mit 13 wusste ich, dass ich Bestatter werden möchte und mit 17 kam das erste Mal der Wunsch auf, mich damit zukünftig auch selbstständig zu machen.

Ich muss gestehen, ich war nie der beste Angestellte. Ich war zwar immer mit vollem Einsatz und ganzem Herz bei der Arbeit, aber ich wollte immer mein eigenes Ding machen. Aufdiktierte Regeln, starre Konzepte und feste Arbeitsabläufe haben mich sehr eingeengt. Mit meinem eigenen Unternehmen kann ich jetzt so arbeiten, wie ich es für richtig halte. Es gibt keinen Druck, einen teuren Sarg verkaufen zu müssen und ich werde von niemandem gefragt, warum ein Beratungsgespräch mal etwas länger gedauert hat.

Was macht dein Bestattungsinstitut so besonders im Vergleich zu anderen Unternehmen?

Ich habe in meiner Zeit als Bestatter viele schwarze Schafe in der Branche kennengelernt: Schlechter Umgang mit den Verstorbenen und in Rechnung gestellte Dienstleistungen, welche nicht erbracht wurden, sind nur einige Beispiele.

Natürlich arbeiten die meisten Unternehmen ordentlich. Qualitätsmerkmale wie: würdevoll, faire Preisgestaltung, persönlich etc. sind daher in meinen Augen keine Besonderheit, sondern Selbstverständlichkeit.

Der Slogan meines Unternehmens ist: Modern & mit Herz.

Modern meint dabei, das bereits angesprochene Aufbrechen der Grenzen in den Köpfen. Ich möchte die Angehörigen darüber aufklären, welche Freiheiten und Möglichkeiten sie haben und sie bei jeder ihrer Entscheidung dabei unterstützen. Alle Wünsche, innerhalb der Gesetze, möchte ich frei von jeglicher Wertung umsetzen.

Mit Herz bin ich bei jedem einzelnen Trauerfall dabei. In der Branche heißt es üblicherweise, dass man nichts an sich heranlassen darf. Ich denke jedoch, dass es sehr wertvoll ist, wenn man die Realität des Todes nah an sich heranlässt. Buddha empfahl seinen Schülern, sich jeden einzelnen Moment des Lebens des Todes bewusst zu sein, so lernt man jeden einzelnen Moment wirklich zu schätzen. Jede Familie kann sich bei mir sicher sein, einem Menschen zu begegnen, keinen stumpfen Dienstleister, der nur seine Arbeit macht. Für meine Angehörigen bin ich rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr erreichbar und ich nehme mir die Zeit, die es braucht, um stützen zu können.

Bitte verrate uns in 2-3 Sätzen, wer du bist, wie alt du bist, wo du lebst, was du gerne über dich sagen möchtest.

Ich bin ein Mensch wie jeder andere – mit Träumen, Wünschen & Ängsten. Ich bin 25 und lebe in Magdeburg mit meiner Freundin und meiner Kornnatter Rainbow und bald ergänzt noch eine Katze unser Leben. Luxus, Autos & Geld interessieren mich sehr wenig. Ich würde lieber in der Natur und ganz einfach leben. Ich wünsche mir ein Leben in Frieden, Harmonie und Gleichgewicht.

Hier geht es zu Chris‘ Webseite: Samsara Bestattungen – Der moderne Bestatter aus Magdeburg (samsara-bestattungen.de)


Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier nicht um bezahlte Werbung oder Empfehlungen für bestimmte Organisationen, Firmen oder Personen. Jeder, der möchte, kann auf Dein Tod und ich seine Geschichte erzählen.

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