Interview: Hendrik (Bestatter)

von Martin

Hendrik (30) wusste schon mit sechs Jahren, dass er einmal Bestatter werden wollte. Der Tod seiner Urgroßmutter war der Auslöser, der Helfer im Hintergrund zu werden.

Die erste Frage an einen Bestatter, die mir spontan einfällt, ist, warum entscheidet man sich für diesen Beruf?

Wie kommt dieser Berufswunsch – es hat angefangen in meinem sechsten Lebensjahr. Meine Uroma ist verstorben und ich war das erste Mal auf einer Beerdigung, das war eigentlich der Auslöser, ja man kann sagen, ich wollte schon immer Bestatter werden. Anderen Menschen zu helfen, in der schweren Zeit, das erfüllt mich. „Der Helfer im Hintergrund.“

Ist der Beruf Bestatter eine starke Belastung? Wie wird er von anderen wahrgenommen?

Man lernt, dass man eine professionelle Distanz aufbauen muss, und wenn man das schafft, dann geht es eigentlich. Das heißt natürlich nicht, dass man keine Empathie mehr empfindet- das Mitgefühl bleibt bestehen, wir Bestatter sind ja auch nur Menschen, die fühlen. Mitgenommen werde ich schon, vor allem wenn Kinder versterben. Das sind so die Worstcase-Szenarien.

Von anderen wird man schon mit Respekt wahrgenommen, vor allem wenn diese Personen einen brauchen. Weil wir ja sonst eher die Helfer im Hintergrund sind: die Psychologen, die Eventplaner, die Fahrer, die Büroleute.

Negativ ist mir aber noch nichts gekommen von Außenstehenden. Eigentlich eher Neugier. Wenn man mal auf ’nem Geburtstag o. ä. ist und die Leute von deinem Job erfahren, dann geht die Fragerunde immer los. Das liegt aber nur daran, dass der Tod bei vielen Leuten ein Tabu ist bzw. er aus dem Leben verbannt ist. Vielleicht durch Angst davor.

Was macht deine Tätigkeit so besonders?

Das Helfen. Das für andere Leute jederzeit 24/7 da zu sein. Wir können jeder Familie helfen in der Hinsicht, dass wir diese Hilfestellung in den emotionalen Ausnahmesituationen geben. Dass jeder noch mal Abschied nehmen kann von seinem Vorausgegangenen. Ich glaube, der Platz reicht nicht, um alles aufzuzählen. 😀

Hast du dich auf deinen eigenen Tod vorbereitet?

Jain. Meine Frau weiß Bescheid, was ich möchte. Ich habe zwar eine Vorsorge für mich selber gemacht, aber da änder ich immer mal wieder einiges, neue Lieder etc. Es darf nur nicht Schwarz und Grau sein und auf gar keinen Fall darf es Trauerfeier genannt werden. Eher Verabschiedungsfeier oder Lebensfeier, weil es mein Leben gefeiert werden soll, meine Individualität.

Wenn ich meine Bestattung zu Lebzeiten detailliert geplant habe, hältst du dich als Bestatter daran? Oder stehen die Wünsche der Angehörigen mehr im Vordergrund, denn die müssen ja mit meinem Tod zurechtkommen.

Immer recht schwierig in so einer Situation. Der Verstorbene hat ja seinen Willen zu Lebzeiten festgelegt und der letzte Wunsch ist das, was zählt. Das erkläre ich auch den Familien, sollte so eine Situation entstehen, aber das ist eher selten der Fall, und wenn doch, gibt’s immer Kompromisse, die man schließen kann.

Es gibt viele Vorschriften, wie eine Bestattung zu erfolgen hat. Welche Möglichkeiten haben Angehörige, um den Abschied individueller zu gestalten.

Alles, klar der Sarg oder die Urne müssen in die Erde, aber selbst für die Asche gibt’s ja schon einiges Neues in anderen Ländern.

Der Abschied an sich kann so gestaltet werden, wie man das möchte. Und wenn die Familie 20 Pelikane dort möchte, dann versuchen wir die aufzutreiben. 😀 Das ist das Wichtige in der Trauer. Das Individuelle muss sein und wird auch immer mehr. Diese ganzen 0815-Beerdigungen ändern sich und das ist auch gut so. So wie wir Menschen verschieden sind, so müssen auch die Beerdigungen usw. sein.

Haben Angehörige nach dem Verlust eines geliebten Menschen die Zeit und die Ruhe, sich Gedanken über die Beisetzung zu machen? Hier in Deutschland muss die Beisetzung doch innerhalb eines festen Zeitplans ablaufen.

Die Zeit muss verschafft werden, dafür sind wir da. Bei der Erdbestattung muss (hier in Hessen) der Sarg innerhalb von 96 Stunden beerdigt werden. Aber ohne Papiere geht das schon mal auch nicht. Bei der Urne haben wir etwas mehr an Spielraum.

Nichtsdestotrotz wird niemand unter Druck gesetzt. Wir helfen und beraten, dass eine Lösung gefunden wird, und das ganz ohne Zeitdruck für die Trauerfamilie. Den Druck haben zwar wir dann, aber das ist unser Job.

Was können Trauernde tun, um mit ihrer Trauer klarzukommen und wieder in ihr Leben zurückzufinden? Welche Hilfe empfiehlst du?

Reden. Und nicht so Sprüche wie „die Zeit heilt alle Wunden“, solch leere Floskeln helfen keinem.

Man muss versuchen, es zuzulassen, die Trauer und den dazugehörenden Schmerz. Hört sich doof an, wa? Aber so ist das, erst wenn man die Trauer begreift, kann eines Tages Besserung kommen. Das Reden hilft – mit der Familie, den Freunden oder sogar mit dem Bestatter. Wir sind nicht nur vor und während der Beerdigung da, sondern als Trauerbegleiter auch danach.

Und niemals den Kopf in den Sand stecken. Immer auch mal an die vielen schönen Erlebnisse denken.

Wo arbeitest du? Hast du ein eigenes Bestattungsinstitut?

Vielleicht irgendwann mal ein eigenes. Aber zurzeit bin ich Angestellter in einem Bestattungsinstitut.

In der Trauer darf auch gelacht werden; gibt es eine schöne und lustige Anekdote, die du erzählen möchtest?

Klar darf gelacht werden. Es gibt Bestatter, die trinken, und es gibt Bestatter, die lachen – ich mache beides. 😀 Ne Spaß beiseite.

Kleine Anekdote: Wir haben den 24-Stunden-Abruf und so manch einer will nachts mal lustig sein und ruft an. Aber es gibt tatsächlich auch Leute, die nachts um drei Uhr anrufen, weil sie grade in einer schönen Trinkrunde mit dem Bruder sitzen und drüber diskutieren, ob der Vater eine Vorsorge bei uns hat.

Und ehrlich, ich am Schlafen, nachts drei Uhr, dass Handy klingelte – ich geh dran. Am anderen Ende Herr X und er fragt mich, ob denn der Vater eine Vorsorge bei uns hat?! Das kann ich aus’m Kopf leider nicht wissen und dann auch noch so schlaftrunken. Ich fühlte mich verarscht, aber er meinte es wirklich ernst. Ich denke, die Kollegen, die das lesen, das auch kennen. So etwas gibt’s und noch alle Hand mehr.

Bitte verrate in 2-3 Sätzen, wer du bist, wie alt du bist, wo du lebst, was auch immer du über dich erzählen möchtest.

Hallo ich bin der …. 😀

Ich heiße Hendrik Müller, bin 30 Jahre alt und wohne in Bad Arolsen. Hier ist auch das Bestattungsinstitut ansässig, in dem ich als Bestatter und Trauerredner arbeite.

Ich habe meine Berufung gefunden. Die Trauerkultur ändert sich und das ist auch gut so. Das war eigentlich schon alles.

Bild: © Hendrik Müller

1 Kommentar

Sabrina 24. März 2021 - 5:24

Du hast definitiv deine Berufung gefunden, alter Kollege, so wie ich meine. Macht weiter so, wir werden uns ab und an mal wieder sehen,wenn meine Arbeit getan ist und eure beginnt. Die Arbeit bei euch war sehr lehrreich für mich und ich kann auch jetzt noch das wissen gut gebrauchen und weiß was ihr benötigt damit ihr eure schneller erledigen könnt und euer Augenmerk auf die Angehörigen legen könnt.
Ich bin stolz darauf ein Teil von euch gewesen zu sein.

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