Interview: Katharina (56)

von Martin

Die Buchhändlerin Katharina (56) verlor ihre Tochter Sophia (21) bei einem tödlichen Reitunfall. Ihre Trauer konnte Katharina lange nicht zulassen. Das, was sich lange anfühlte wie ein Betonklotz, wird langsam leichter.

Was für ein Mensch war deine Tochter?

Meine Tochter Sophia war, wie meine Kollegin immer sagte, „ein liebes Ei“. Sie glaubte immer an das Gute und war fast verblüfft, wenn andere nicht nett zu ihr waren. Für mich hatte sie immer etwas von den Märchenfiguren, die man als einfältig bezeichnet. Irrtümlicherweise wird das mit dumm gleichgesetzt. Nein, das sind die Einfühlsamen, die auf die kleinen Dinge achten und auf die Gefühle anderer achten. Sie hatte ADS und reagierte von daher oft verzögert. Das hatte zur Folge, dass sie die ganze Schulzeit gemobbt wurde. Auch einige weitere gesundheitliche Probleme machten ihr zu schaffen. Das Mobbing hat ihr Leben sehr bestimmt und sie hatte nur wenige Freunde. In den letzten Jahren machte sie eine Ausbildung Buchhändlerin. Sie war gerade in ihrem Leben und an ihrem neuen Ort angekommen, sie hatte Freunde gefunden und wäre in ihrem Betrieb übernommen worden.

Welche Bedeutung hatte deine Tochter Sophia in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Meine Tochter war mir sehr ähnlich in ihrem ganzen Wesen. Wir hatten durch den gleichen Beruf und einige gleiche Hobbys und Interessen viele Berührungspunkte. Ich habe immer sehr mitgelitten, wenn ihr Unrecht geschah. Sie konnte aber im Alltag auch sehr anstrengend sein. Dadurch, dass sie wenige Freunde hatte, war ich eine Vertraute.

Woran ist sie gestorben?

Ich war 52, als Sophia im Alter von 21 Jahren beim Reiten tödlich verunglückte. Die Polizei hat mir zusammen mit Notfallseelsorgern die Nachricht überbracht. Ich habe sofort funktioniert und begonnen zu organisieren. Da es eng war in der Buchhandlung, in der ich gearbeitet habe, bin ich nach 2 Tagen wieder arbeiten gegangen.

Was war für dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Zu begreifen, dass unser Verlust endgültig ist. Das zu begreifen, fällt mir heute noch schwer und es gibt noch einen winzigen Rest in mir, der diesen Gedanken nicht zulassen möchte.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

„Ich habe mir lange gewünscht, dass ich die Trauer hätte zulassen können.“

Es war wahrscheinlich ein Schutzmechanismus, der die Trauer nicht zugelassen hat. Mit der Trauer hätte ich ja die Endgültigkeit akzeptieren müssen. Den Gedanken, dass unsere Tochter nicht wieder kommt, konnte ich nur in kleinsten Dosen an mich herankommen lassen. Dadurch, dass ich die Trauer so abgespalten habe, konnte ich nie so wirklich trauern. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich ihr nicht gerecht geworden bin. 

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Ich habe in der Facebook Gruppe Ich trauere um dich mein Kind viel Unterstützung erfahren. Dort fand ich zu jeder Tages- und Nachtzeit jemand, der Gleiches erlebt hat. Mein Mann ist in eine Selbsthilfe Gruppe Trauernde Eltern & Kinder gegangen. Mir war das ein zu viel an Trauer, die ich ja selbst nicht so zulassen konnte.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Jede Art von Trauer ist richtig. Es ist vollkommen egal, was andere denken. Suche dir Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Andere werden deine Gefühle leider nicht nachempfinden können.

Wie denkst du heute über deine Tochter und ihren Tod?

Ich finde es auch nach drei Jahren unfassbar, dass sie nicht wieder kommt. Die Trauer, die wie ein Betonblock auf meiner Brust lastete und mir die Luft zum Atmen nahm, ist leichter geworden zu tragen. Aber die Welt hat ihre Farbigkeit verloren und alles erscheint gedämpft. Es ist so ungerecht, dass ihr Leben so kurz und schmal war. Wir haben einen Aufkleber entworfen, mit dem wir und andere Sophia und ein Gedenken an sie an Orte bringen, die sie selbst nicht mehr besuchen konnte. (siehe instagram.com/sophiawasneverhere)

Sophia was never here!

Wie hat dich der Tod von Sophia verändert?

So vieles ist unwichtig geworden. Früher habe ich mehr Ämter übernommen und mich in Vereinen engagiert. Ich bin aber auch dünnhäutiger und unduldsamer mit den Menschen geworden. Warum denken die Menschen nicht mehr nach in ihren Äußerungen Trauernden gegenüber? So kommt es zu so viel Bullshit Bingo. Ich möchte mich einsetzen, dass Tod und Trauer kein Tabu mehr ist. Ich beabsichtige eine Trauerbegleiter-Ausbildung zu machen, um anderen den Raum für Gespräche über ihr Kind zu geben.

Was geht dir durch den Kopf?

Mich belastet sehr, dass ich doch niemand habe, mit dem ich mich wirklich austauschen und von meiner Tochter erzählen kann. Die Gesellschaft und manchmal auch ich selbst erwarten von mir, dass etwas bezüglich der Trauer besser oder anders wird. Ich selbst fühle mich ja manchmal schlecht, weil es mir schlecht geht. Dabei ist es doch so, dass man sein Kind vermissen wird, so lange andere ihr Kind haben, also lebenslang.

Trotz ihrer 21 Jahre konnte Sophia sich wie ein Kind an den kleinsten Dingen freuen und zum Beispiel vor Freude in die Hände klatschen. Ich würde mich freuen, wenn ich ein bisschen dieser Freude an den kleinen Dingen weiter in die Welt tragen könnte.


1 Kommentar

Tanja Kosmalla 14. Februar 2021 - 19:03

Liebe Katharina,
ich bin nicht betroffen und doch bin ich es, wie könnte es anders sein. Aber ich möchte Dir danken, dass Du den Mut aufgebracht hast, Deine Gedanken und Gefühle zu teilen. „Richtige“ oder „falsche“ Trauer gibt es nicht. Du bist richtig, so wie Du bist.
Herzliche Grüße

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