Interview: Miriam (53)

von Martin

Miriam verliert mit 16 Jahren ihren Vater Manfred durch Suizid. Sie berichtet in diesem Interview darüber, wie sein Tod unerwartet kam und sie sich verlassen und alleingelassen fühlte.

Was für ein Mensch war dein Vater?

Mein Vater war ein extrovertierter Mann. Er hat gerne Witze gemacht, lustige Sprüche geklopft. Zudem war er begeisterungsfähig, vielseitig interessiert und kreativ. Er war Goldschmied und wurde dann Krankenpfleger. Zuletzt war er Fachpfleger und Stationsleitung.

Er hat als Kind eine streng katholische Erziehung genossen, war Messdiener und sang als Erwachsener noch gregorianische Choräle im Wohnzimmer mit. Er war leidenschaftlicher Miles Davis Fan und wir waren mit der ganzen Familie auf einem Live Konzert. An diesem Tag war er in Höchststimmung. Er hat gerne fotografiert und wir hatten zuhause ein kleines Fotolabor. Hier haben wir zusammen seine Bilder entwickelt, was mich sehr beeindruckt hat.

Durch den Wechseldienst im Krankenhaus war er oft sehr müde und hat deshalb eine erhöhte Rücksicht eingefordert. Das war für mich als Kind schwer zu verstehen. Wenn wir unterwegs waren und die Leute sagten, dass ich ihm besonders ähnlich sähe, war er sehr stolz.

Welche Bedeutung hatte dein Vater in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Mein Vater hatte eine zentrale Bedeutung in meinem Leben. Er war für mich Mentor und Kritiker in einem. Unsere Beziehung war ambivalent. Sie reichte von liebevoll über fördernd bis zu übermächtig und brutal. Abhängig von seiner Stimmung und dem Stresslevel war er sehr aufmerksam und bemüht, mir viele Dinge nahezubringen, die ihm selbst wichtig waren, wie z.B. verschiedene Musikstile oder der Sinn für Kunst.

Sein Anspruch an meinen Intellekt und vermutlich auch die Projektion seiner eigenen einfachen Schulbildung, haben ihn immer mal wieder zum Tyrannen werden lassen. Da gab es z.B. großen Ärger wegen einer 5 in Mathe.

Andererseits hat er versucht, gute Laune zu haben und es ist ihm gelungen, mich nicht merken zu lassen, dass es ihm richtig schlecht gegangen sein muss.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Ich war 16 Jahre alt. Ich erinnere mich sehr gut an diesen Abend, weil ich in der Wohnung war, als er starb.

Ich war im Nebenzimmer, als er sich das Leben nahm. Bevor er sich im Schlafzimmer einschloss, kam er zu mir und sagte, ich solle schön brav sein. Eine völlig ungewöhnliche Äußerung, die ich nicht zuordnen konnte. Ich war sehr irritiert und nicht in der Lage, das Gespräch weiter zu führen. Das waren die letzten Worte, die ich von ihm gehört habe. Kurz darauf war klar, dass etwas nicht stimmte. …. Die von innen verschlossene Tür wurde von einem Polizisten eingetreten und ich war mit den Beamten die Erste, die den Raum betrat.

Ich erfasste die Situation sofort und beobachtete ab dann nur noch das Vorgehen von Polizei, dem kurz darauf eintreffenden Rettungsteam und meiner Mutter, die aus dem Spätdienst sofort nach Hause kam. Letztlich stand ich in etwa drei Stunden mitten im Raum und habe beobachtet, wie zunächst der Notarzt und dann meine Mutter, selbst Krankenschwester, über zwei Stunden versucht haben zu reanimieren. Die Anwesenden Rettungskräfte waren schockiert, da sie alle meinen Vater persönlich kannten. Diese Szenen zu beobachten fühlte sich surreal an, als ob ich einen Film geschaut hätte. Es schien nicht echt zu sein. Bis zu dem Moment, als die Ärztin den Zeitpunkt des Todes mitteilte (der übrigens nicht stimmte) und danach alle den Raum verlassen haben. Da war ich mit meinem toten Vater alleine.

Niemand achtete auf mich. Ich stand da und sah mir die Leiche genau und fassungslos an. Die Details habe ich bis heute im Kopf. Wie er da lag. Den zerschnittenen Pullover, die blutige Speichelspur vom achtlos entfernten Tubus, die offenen, verdrehten Augen, die vor sich hin starrten. Irgendwann legte sich ein Schalter um und ich hatte einen Schreikrampf. Ich konnte einfach nicht aufhören. Ich schrie gegen die Realität an.

Als der Bestatter kam und meinen Vater holte, wurde ich aus dem Raum geschickt. Das erscheint mir noch heute völlig unsinnig und lächerlich, nach dem, was ich kurz davor erlebt hatte.

Woran ist er gestorben?

Als Stationsleitung hatte er Zugang zu medizinischem Gerät und den Giftschrank der Station. Er spritzte sich mit einem Perfusor (Spritzenpumpe) eine Überdosis Insulin und nahm sich so das Leben

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Sein Tod kam für mich unerwartet, ich fühlte mich verraten und verlassen. Zunächst war es schwer, keine Erklärung für seinen Tod zu haben. Er hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Ich habe mich nie schuldig gefühlt oder die Idee gehabt, dass ich es hätte verhindern können. Ich war 16 Jahre alt und hatte nicht die geringste Idee, welche Probleme er gehabt haben muss. Ich habe meine Gedanken über eine lange Zeit aufgeschrieben. Die Akzeptanz seiner Entscheidung hat mir geholfen, mein Leben weiterzuleben, ohne ständig nach dem „Warum“ zu fragen und mich zudem als Opfer zu sehen.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich wünschte, ich hätte mit jemandem darüber reden können.

Meine Mutter war leider nicht in der Lage, mit dem Verlust und der Verantwortung für mich klar zu kommen. Sie konnte nicht für mich da sein und das Thema ist bis heute Tabu.

Ein Bekannter hat mir den Blick in den Sarg und damit den Abschied verwehrt, der so nötig gewesen wäre. Ich hätte dann ein anderes letztes Bild im Kopf und hätte besser abschließen können. Ich hätte mich gegen diese Entscheidung wehren sollen, war aber leider zu trotzig und stur, da ich die Endgültigkeit nicht begriffen hatte.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Ich habe den Verlust mit mir alleine ausgemacht. Es war niemand da, der sich mit mir befasst hat in dieser Zeit. Meine Mutter wurde tabletten- und alkoholabhängig und war deshalb mehrfach in einer Klinik. Ich war auf mich gestellt. Meine Gedanken und Gefühle durch Schreiben zu sortieren und an das Papier loszuwerden, hat mir sehr geholfen. Leider habe ich diese vielen Seiten eines Tages weggeworfen..

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Mach das nicht mit dir alleine aus! Hole dir die Hilfe, die du brauchst!

Finde jemanden, der dir zuhört und in der Lage ist, auf dich einzugehen. Ich weiß, dass das nicht einfach ist, denn Menschen, die mit Trauernden konfrontiert werden, wissen meist nicht, wie sie reagieren und was sie sagen sollen. Mach deine Bedürfnisse klar und erlaube dir jedes Gefühl, das du jetzt hast. Niemand darf dir sagen, wie du dich fühlen und wie du trauern sollst. Jeder hat seine Art, mit Verlust und Tod umzugehen. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Du darfst so trauern, wie du möchtest!

Wie denkst du heute über deinen Vater und seinen Tod?

Ich respektiere die Entscheidung, die er getroffen hat. Er hat wohl keine Alternative gesehen. Seinen Suizid als rein egoistisch und rücksichtslos zu bezeichnen, finde ich zu engstirnig und einseitig betrachtet. Diese Einstellung hat mir geholfen, damit umzugehen, dass er mich verlassen hat. Ich weiß ganz sicher, dass er gerade in Bezug auf mich größte Gewissensbisse hatte. Er muss in einem argen Dilemma gesteckt haben.

Wie hat dich der Tod deines Vaters verändert?

Ich bin misstrauischer, härter und viel stärker geworden, als ich vorher war. Das hat weniger mit dem Verlust an sich zu tun, viel mehr mit dem Leben danach. Es war nicht einfach, so plötzlich erwachsen zu werden und kämpfen zu müssen. Ich hatte niemanden mehr, auf den ich mich verlassen konnte und es war künftig nicht mehr möglich, jemandem zu vertrauen. Ich hatte ja erlebt, dass Vertrauen ein Trugschluss sein kann. Eine Erfahrung, die sich bis heute auswirkt.

Was geht dir durch den Kopf?

Es ist traurig und sehr schade, dass er meine Kinder nicht kennen gelernt hat. Er hätte sie sehr geliebt. Es ist ärgerlich, dass ich ihn als Mentor verloren habe. Ich kämpfe mich seit seinem Tod ohne Führung durchs Leben und habe die Idee, dass ich weniger Probleme gehabt hätte, wenn er für mich da gewesen wäre. Das kann ich natürlich nicht wissen, kommt mir aber wahrscheinlich vor.

Mich nie mit meiner Mutter über ihn und seinen Tod offen auseinanderzusetzen, ist bis heute eine Belastung. Es ist nicht richtig, Geheimnisse zu bewahren oder der Klärung durch Verdrängung aus dem Weg zu gehen. Ich hätte mir gewünscht, z.B. in die Therapien einbezogen worden zu sein. Heute spielt es keine so große Rolle mehr, das war in der Zwischenzeit jedoch anders.

Ich bin heute älter, als mein Vater je wurde. Das ist irgendwie merkwürdig. Als ich so alt war, wie er, als er starb, habe ich versucht, mir vorzustellen, was wäre, wenn mein Leben jetzt zu Ende wäre. Das wäre definitiv viel zu früh gewesen.

Ich bin mir sicher, dass er heute lange, graue Haare hätte und die gelben Schuhe tragen würde, die er sich immer gewünscht hat.

Ich weiß, dass er meinen ersten Mann für ein Arschloch gehalten hätte, was ich dank ihm sicher viel früher herausgefunden hätte, als ohne ihn.

Niemand von unseren Bekannten und seinen Kollegen hat je mit mir nach seinem Tod über ihn gesprochen. Ich wüsste gerne, was sie über ihn denken, denn ich kenne ihn nur aus der Kinder – und Teenager – Perspektive. Das wäre sehr interessant für mich.

Etwas Ungesagtes, das du vielleicht gerne noch persönlich gesagt hättest?

Ich habe erst als Erwachsene begriffen, dass du vermutlich krank warst. Es war unverantwortlich, dass du dir keine Hilfe geholt hast, denn du hast mir Schaden zugefügt.

Du hattest Recht, Ralf, mein erster Freund war tatsächlich total bescheuert. Du hättest trotzdem nicht so einen Aufstand proben müssen.

Ein besonderer Moment, an den du dich erinnerst?

Es gab so viele. Wir haben z.B. zusammen ein Bild gemalt, einen Clown, in Öl. Ich wollte, dass er lacht. Er hat ihn traurig aussehen lassen. Ich war dennoch sehr stolz auf unser Werk. Ich habe den Clown aus einer Eingebung heraus „Popolarel“ getauft. Mein Vater war außer sich vor Begeisterung.

Eine typische Eigenart, die du vermisst?

Das Kreieren von neuen Worten und Wortspielereien.

Eine lustige Anekdote, die ihr gemeinsam erlebt habt?

Es ist weniger eine Anekdote, als ein einmaliges Erlebnis, das ich nie vergessen habe. Wir waren ein einziges Mal im Winter gemeinsam unterwegs zum Schlittenfahren. Das war ein langer, recht steiler Weg im Wald, keine Ahnung, wo. Ich erinnere mich, wie wir da hoch gewandert sind und dann mit dem Schlitten runter gefahren. Ich saß hinter meinem Vater und hielt mich ganz doll fest. Weil der Weg so steil war, bremste er mit den Füßen ab, ohne zu bedenken, dass deshalb der Schnee nach hinten wegflog, genau auf mich. Wir rasten also bergab und ich wurde gleichzeitig zugeschneit. Das machte einen großen Spaß und wir lachten und schrien zur gleichen Zeit. Eine der glücklichsten Szenen, die ich mit ihm erlebt habe. Da war ich ca. 10 Jahre alt.

Bitte verrate uns in 2-3 Sätzen, wer du bist, wie alt du bist, wo du lebst, was du beruflich machst – was du gerne über dich sagen möchtest.

Ich bin Miriam, 53 Jahre alt, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Katzenmensch und verheiratet. Ich lebe in Hanau und bin von Beruf Kosmetikerin, Visagistin und Erzieherin. Außerdem habe ich jeweils eine Ausbildung zur Hochzeitsplanerin und Trauerbegleiterin gemacht.

Aktuell arbeite ich in einer Klinik für psychisch kranke Kinder und Jugendliche im Pflege- und Erziehungsdienst. Davor war ich meist als Nanny angestellt, aber auch in verschiedenen Kitas.

In meiner Freizeit koche und backe ich gerne und viel, lese gern Bücher und Zeitschriften, sehe Filme und Serien an, bemale Steine, trinke gerne Kaffee und auch Tee, kann unendlich lange telefonieren, hüpfe auf einem Trampolin und, wenn der Schweinehund mal schläft, laufe ich auf einem Laufband. Ich halte mich gerne an der frischen Luft auf und glaube, dass Bäume Kraft schenken. Ich mag Schnittblumen und trauere, weil sie auf meinem Tisch in einer Vase sterben. Ich habe seeeehr viele Pflanzen in der Wohnung und ständig Ableger, die ich einpflanze, weil ich sie nicht abschneiden und dann wegwerfen kann. Auf meiner Fensterbank in der Küche steht ein mickriger Basilikum, der bleibt da, solange er noch grün ist. Grün ist Leben.

Ich fotografiere sehr viel. Wenn ich eine Stadt besuche, dann immer auch den dortigen Friedhof. Ich mag die Stimmung und die Ruhe, die dort herrscht. Ich betrachte die Gräber und nehme war, mit welcher Sorgfalt sie gepflegt und geschmückt werden – oder eben nicht. Ich mache immer auch Fotos, wenn ich dort bin. Viele meiner Fotos stelle ich auf Instagram aus

Ich sammle alte Schubladen und Dinge, die als shabby oder vintage bezeichnet werden. Unsere Wohnung ist voll von ganz vielem, denn ich kann mich nicht gut trennen. Unseren Keller will ich seit Jahren ausmisten und es bleibt bei der Theorie. Müsste ich das analysieren, käme ich auf die Idee, dass es etwas mit nicht loslassen und sich trennen können zu tun hat. Mache ich aber nicht, ich gehe viel lieber auf Flohmärkte und gucke, was es da Schönes für mich gibt!


2 Kommentare

Marina 4. November 2020 - 21:39

Vielen Dank für Offenheit und Bereitschaft, über solche schwierigen Lebensereignisse zu sprechen! Ich wünsche euch auf eurem Lebensweg viel Lebensfreude, aber auch Mut, mit dem Tod, welches zweifellos (oft ohne Vorwarnung) zum Leben dazu gehört, umzugehen . Alles Liebe, M.

Miriam 5. November 2020 - 18:08

Vielen, lieben Dank, Marina! Ja, der Tod kommt oft plötzlich, du hast Recht. Um so wichtiger ist es, sich mit ihm auseinanderzusetzen, dann ist der Schrecken nicht ganz so groß. Ich habe für mich entschieden, aus der Tabuzone heraus zu gehen und über den Tod und was damit zusammenhängt zu sprechen. Dir auch alles Liebe! M.

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