Interview: Laura (31)

von Martin

Laura verlor im Alter von 29 Jahren an Ihrem Hochzeitstag ihren Mann an einer Gehirnblutung. Sie erzählt hier ihre Geschichte und wie der Tod ihres Mannes sie verändert hat. Und wie sie mit dem Tod ihres Vaters, der vor wenigen Monaten verstorben ist, umgegangen ist.

Welche Bedeutung hatte dein Mann Daniel in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Daniel und ich waren einfach ein unfassbar gutes Team. Wir haben uns in allen Bereichen perfekt ergänzt und wussten ganz genau, wie der andere tickt und was er braucht.

So unterschiedlich wir doch waren: ich die Organisatorin, die Planerin, die immer Sicherheit und das Gefühl brauchte, alles unter Kontrolle zu haben. Und er: der Kreative, der Macher, der alles dafür getan hat, mir dieses Sicherheitsgefühl zu geben.

Für uns war klar: so lange wir uns haben, ist alles gut. Dann ist zu Hause. Egal was um uns herum passiert. Abende lang sind wir einfach nebeneinander gelegen und haben über Gott und die Welt gequatscht, Tränen gelacht.

Unser letztes gemeinsames Jahr war geprägt von schwierigen familiären Situationen und großen Entscheidungen für die Zukunft. Aber gemeinsam haben wir alles hinbekommen. Wir konnten uns immer zu 100 % aufeinander verlassen, hatten eine gemeinsame Vorstellung unserer Zukunft.

Als Daniel mir im März 2018 auf dem Sofa im Schlafanzug einen Heiratsantrag machte, zögerte ich keinen Moment. Für mich war ganz klar: egal was da noch kommt, ich möchte den Weg gemeinsam mit ihm gehen.

Wir wollten keine Zeit verlieren und voll und ganz Ja zueinander sagen. So planten wir die Hochzeit direkt für den Oktober. Erst standesamtlich und eine Woche später ganz groß kirchlich mit all unseren Lieben. Das war sein Wunsch, den ich ihm erfüllen wollte. Ich habe ihn wirklich sehr geliebt, tue das, auf eine andere Art und Weise, heute noch.

Wie alt warst du, als Daniel gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Ich war 29 Jahre alt (er 34)  und wenn ich über diesen Tag schreibe, fühle ich mich, als würde ich einen schlechten Hollywood-Film beschreiben. Eine Situation, von der man ganz sicher ist, so etwas passiert im echten Leben nicht. Mir ist es aber passiert. Ganz in echt.

Es ist der 13. Oktober 2018, unser Hochzeitstag. Ich bin sehr aufgeregt. Die letzten Wochen waren unglaublich anstrengend, weil wir parallel den Umbau des Hauses wuppen mussten, das wir gekauft hatten und die Hochzeitsplanung voran treiben. Die standesamtliche Trauung sollte relativ unspektakulär werden, da die „richtige“ Hochzeit in der Woche darauf stattfinden sollte. Wir wollten auch dort erst die Ringe tauschen.

Wir sind an diesem Bilderbuch-Herbsttag bei Sonnenschein händchenhaltend zum Rathaus gelaufen, wo unsere Eltern und Trauzeugen auf uns warteten. Alles lief genau so, wie wir uns das vorgestellt hatten: Wir hatten einen total witzigen Standesbeamten und gaben uns lachend das Ja-Wort. Ja zum gemeinsamen Leben,  das vor uns liegen sollte. Ein Beginn von etwas Großem. Ein Schwur, jedes Hoch und jedes Tief gemeinsam zu meistern.

Im Anschluss sind wir in der kleinen Runde noch entspannt essen gegangen, um danach den Nachmittag für uns zu haben. Zu Hause angekommen, haben wir direkt Kleid & Anzug gegen Jogginghosen getauscht und es uns auf dem Sofa gemütlich gemacht, einen Film angesehen.

Alles war perfekt, bis Daniel nach dem Film auf einmal meinte, er habe Kopfschmerzen. Er ist ins Bad gegangen – hat viel zu lange gebraucht, ich hatte direkt ein ungutes Gefühl. Als er zurück ins Wohnzimmer kam, hat er wirres Zeug geredet und sich neben mich auf das Sofa gelegt, war kaltschweißig und irgendwie gar nicht er. Was ich sagte, drang gar nicht richtig zu ihm durch.

Ich bekam Panik. Habe einen Krankenwagen gerufen, gefühlt Ewigkeiten gewartet. Dann kamen die Sanitäter: „Was ist passiert? Hat er Alkohol getrunken? Wie alt ist er? Was, Sie haben heute geheiratet?“ Nur ein paar der Fragen, die bei mir hängen geblieben sind. Zu diesem Zeitpunkt musste Daniel schon mit einer Trage in den Krankenwagen gebracht werden, weil er nicht mehr richtig laufen konnte. Was für ein Alptraum. Ich stand unter Schock. Aber ich war voller Hoffnung. Er war kerngesund. So schlimm konnte es ja nicht sein. Er bekommt jetzt Hilfe und morgen lächeln wir uns wieder an.

Die Sanitäter konnten mich auf dem Weg ins Krankenhaus gar nicht ansehen. Da habe ich es das erste Mal unterbewusst geahnt: es sieht nicht gut aus. Aber angekommen ist das nicht bei mir.

Als ich zusah, wie Daniel aus dem Wagen geholt wurde, war er bereits einseitig gelähmt und nicht mehr ansprechbar.

Dann hieß es Warten in der Notaufnahme. Ich kann gar nicht sagen wie lange. So alleine habe ich mich noch nie gefühlt. Ich habe alles wie einen Film um mich passieren sehen. Aber ich war so hoffnungsvoll. Weil so etwas kann mir doch nicht passieren. Nicht am Tag der Hochzeit. Nicht so ohne Vorankündigung. Wir hatten doch erst geschworen, nicht gleich aufzugeben. Er war jetzt in guten Händen, die Ärzte würden das schon machen.

Irgendwann wurde ich von den Ärzten in ein Zimmer gerufen. In meinem Kopf schwebten zu dem Zeitpunkt Diagnosen wie „Schlaganfall“ oder ähnliches und ich malte mir schon aus, dass wir auch das gemeinsam hinkriegen würden. Dass er natürlich in Reha müsste und bestimmt viele Dinge neu lernen, aber ich würde ihn bei allem unterstützen und es würde uns stärker machen. Die Hochzeit nächste Woche würden wir absagen und wann anders nachholen.

Keiner der Ärzte konnte mir in die Augen sehen. Die Spannung war unerträglich. Und dann ist es das erste Mal gefallen, das Wort, das mir heute noch schwerfällt auszusprechen, weil die Tragweite unermesslich ist. Diagnose: Hirnblutung.

Zu dem Zeitpunkt hat sich niemand getraut, mir das Ausmaß auf den CT-Bildern zu zeigen. Niemand hat Klartext mit mir geredet. Keiner schaute mir in die Augen und doch waren alle Augen auf mich gerichtet. Auf meine Reaktion. Aber ich bekam gar keine Zeit, das irgendwie zu begreifen. Alle haben mir direkt Hoffnung gemacht: Es kann sein, dass das wieder wird. Natürlich wollte ich das glauben. Diese Worte ließen mich überleben. Man muss die Nacht beobachten, ich solle nach Hause gehen. Ich könnte nichts tun.

Also fuhr ich nach Hause. In Schockstarre, an Schlaf nicht zu denken. Alleine im gemeinsamen Bett. Nicht ein einziges Mal durften wir als Mann & Frau nebeneinander aufwachen. Unmöglich zu begreifen oder zu akzeptieren. Das Handy die ganze Zeit in der Hand. Angst, dass ein Anruf aus dem Krankenhaus kommt. Der Anruf kam. Das Hirn schwillt an, Not-OP.

Den restlichen Verlauf möchte ich gerne abkürzen, da ich ihn wie hinter einer Wolke erlebt habe, einfach nur funktioniert habe und es immer noch nicht genau wiedergeben kann. Am Tag nach unserer Hochzeit stand fest, dass er es nicht schaffen würde. Ich habe das gehört, habe es auch ausgesprochen. Aber es ist in keinster Weise angekommen, ich habe es nicht verstanden.

Viele liebe Menschen waren direkt zur Stelle. Ich habe alles Wichtige geregelt, alles organisiert, Freunde & Familie getröstet. Alle haben darauf gewartet, dass ich zusammenbreche. Das ist aber nicht passiert. Zumindest dort noch nicht.

Ich sollte mir ein Abschiedsritual überlegen, das wäre wichtig für alle. Also habe ich das gemacht. Am 14. Oktober waren die engsten Freunde und Verwandten versammelt am Krankenbett. Mein Abschiedsritual war der Ringtausch. Es gab eine Predigt und ich steckte seinem, von Maschinen am Leben gehaltenen Körper, den Ring an. Sein Zwillingsbruder steckte ihn stellvertretend an meinen Finger.

Und dann hat Daniel uns verlassen. Als ob es das war, worauf er noch gewartet hatte. Das war ganz klar spürbar. Und diesen Moment habe nicht nur ich wahrgenommen, sondern alle im Raum. Er ist einfach gegangen, hat mich allein gelassen. Seine Augen waren nicht mehr seine Augen. Da war nur noch die Hülle.

Einen Tag später wurden die Maschinen ausgemacht. Die Ärzte haben mir seinen Ring wieder zurückgegeben. Keine konnte das Drama handeln. Keiner mich ansehen. Jetzt war ich allein.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Das waren viele verschiedene Dinge.

Natürlich der Verlust an sich. Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben. Ich bin seit dem überzeugt davon, dass ein Herz brechen kann. Und zwar nicht nur im übertragenen Sinne, sondern in Form echter körperlicher Schmerzen. Und ich habe Gefühle gefühlt, die ich vorher gar nicht kannte. Die mich ohne Vorankündigung überwältigt und umgeworfen haben. So sehr, dass ich tagelang nicht mehr richtig aufstehen konnte.

Außerdem war es der Zeitpunkt. Eigentlich sollte gerade alles losgehen. Ein absoluter Hoch-Moment und dann fällt man auf einmal ins Bodenlose. Ich habe nicht nur den Menschen verloren, sondern auch gefühlt meine ganze Zukunft. Mein zu Hause. Jeden Plan.

Dann kam dazu, dass ich mich nie mit dem Thema Tod auseinander gesetzt hatte. Da waren auf einmal so viele Fragen. Ich war nicht wirklich gläubig, hatte mir noch nie die Frage gestellt, was nach dem Tod passiert. Konnte deshalb auch nicht zuordnen, wie es sein kann, dass ich so eindeutig gespürt habe, wann er gegangen ist. Und was genau ist in diesem Moment eigentlich gegangen?

Ein weitere Punkt ist, dass alle meine Grundwerte und Überzeugungen in dem Moment zunichte gemacht wurden. Ich bin so aufgewachsen: Man kann alles schaffen, wenn man nur genug gibt. Aber mit dem Tod lässt sich nicht verhandeln.

Das Thema Sicherheit war auf einmal auch weg. Ich meine, was fühlt sich sicherer an als Hochzeit, Eigenheim, alle Versicherungen, die man so abschließt!? Was für eine Illusion, die man sich da selbst vorgaukelt. Das Thema Kontrolle über überhaupt irgendetwas im Leben zu haben wurde mir ebenfalls entrissen. Außerdem jede Idee, die ich für mein Leben hatte. Alles weg. Von jetzt auf nachher. Einfach nur Ohnmacht.

Und dann kam es auch noch dazu, dass ich den Hausumbau alleine fertig kriegen musste. Das war auch so ein Traum von Daniel, ich war nie so eine wirklich gute Hausbesitzerin, für mich hätte es auch eine Wohnung getan. Von daher war das so so ein Bereich, in dem ich mich überhaupt nicht auskannte. Alles immer Daniel überlassen hatte. Ich dachte, ich könnte das niemals schaffen.

Wie ich es geschafft habe damit umzugehen. Das hat sich im Laufe der Zeit völlig verändert. Aber das wichtigste ist: alles begann mit meiner Entscheidung für das Leben.

Ich hatte zwei Optionen: Zerbrechen oder Kämpfen. Ich habe bereits an seinem Krankenbett entschieden, dass ich weiter machen werde, auch wenn ich keine Ahnung hatte wie. Und am Anfang war in meinem Kopf immer, dass ich für ihn weiter machen würde. Irgendwann hat sich das gewandelt zu: ich mache für mich weiter.

In den ersten Wochen nach seinem Tod habe ich unglaublich viel gelesen und mich mit Menschen unterhalten. Ich habe alles zu dem Thema aufgesogen und versucht für mich herauszufinden, was ich glaube. Ich habe mich auch mit anderen Trauernden ausgetauscht, was mir sehr geholfen hat und auch der Grund dafür ist, hier nun meine Geschichte zu teilen. Mich hat das vom Selbstmitleid weggebracht, in das ich am Anfang verfallen bin. Und es hat mir das Gefühl gegeben, nicht alleine mit so einem Schicksal dazustehen. Und über die Gefühle sprechen zu können, die niemand verstehen kann, der so etwas nicht erlebt hat.

Außerdem habe ich mir Hilfe gesucht. Dass ein Psychologe nicht mein Weg ist, habe ich relativ schnell gemerkt. Denn ich konnte mich gut ausdrücken und meine Emotionen in Worte bringen. Ich hatte das Glück, einen Coach zu finden, der nicht nur Trauerarbeit (ich hasse das Wort Trauerbewältigung, denn ich denke, man bewältigt Trauer nicht – man integriert sie in sein Leben) mit mir gemacht hat, sondern auch Persönlichkeitsentwicklung. Aktive Arbeit an meiner Sicht auf das Leben, an meinen Glaubenssätzen. Der es geschafft hat, mit mir den Fokus auf das Leben zu lenken und nicht auf das, was ich alles verloren hatte. Und der vor allem den Fokus auf mich und meine Bedürfnisse legte: Wer bin ich eigentlich? Was will ich? Was tut mir gut?

Außerdem habe ich mir sehr viel Zeit für mich genommen. Ich habe schnell festgestellt, dass es sich aufstaut und das Loch immer tiefer wird, wenn ich die Trauer unterdrücke und dass es nur geht, wenn man den Schmerz durchlebt. Auch wenn es Momente gab, in denen ich wirklich dachte ich kann das nicht aushalten oder durchstehen. Momente, die mich so sehr geprägt haben. Aber nach dem schlimmsten Schmerz folgte meistens eine Art Erleichterung, als wäre ein kleiner Teil in mir geheilt. Ich war viel in der Natur, habe angefangen Yoga zu machen und Meditation zu einem festen Bestandteil in meinem Leben gemacht.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich würde viel genau so machen. Was ich besonders erschreckend fand, war, wie die Menschen in unserer Kultur mit dem Thema Tod umgehen. Ich hatte das Gefühl für alle eine Last zu sein, weil ich sie allein durch meine Anwesenheit mit dem Thema konfrontiere. Dass niemand meine Geschichte tragen bzw. ertragen kann und ich allen automatisch ein schlechtes Gefühl gebe. Niemand mehr einen Abend in meiner Anwesenheit unbekümmert genießen kann.

Dass es nur ganz wenige aushalten mich am Boden zu sehen und mich einfach weinen zu lassen, wenn ich das brauche. Da herrschen außerdem unglaublich viele Erwartungen, wie man zu trauern hat und wie man damit umgehen „muss“.  Vor allem bei Menschen, die selbst noch keine schlimmen Verluste erleben mussten.

Ich habe es, vor allem am Anfang, allen Recht machen wollen. Habe Tränen weggedrückt, damit andere sich nicht schlecht fühlen – habe manchmal sogar die anderen getröstet. War immer die Starke. Bin rausgegangen, weil die anderen gesagt haben, ich darf mich jetzt nicht gehen lassen – obwohl ich einfach nur alleine sein wollte. Und das Wichtigste: bloß nicht drüber sprechen, denn es heißt ja nicht umsonst „in stiller Trauer“.

Rückblickend hätte ich viel früher die Entscheidung treffen sollen, dass ich gar nichts „muss“. Dass ich es nur mir Recht machen muss. Und dass Trauer absolut individuell ist und jeder ganz anders damit umgeht. Dass ich nicht für andere stark sein muss, sondern nur für mich. Und dass ich auch schwach sein darf. Wer das nicht ertragen kann, passt vielleicht nicht in mein Leben.

Und ich würde mehr Hilfe annehmen, was mir damals sehr schwer fiel.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Die vielen tollen Menschen in meinem Leben, die alles gegeben haben, um mir Dinge abzunehmen. Auch wenn ich es selbst nicht geschafft habe, um Hilfe zu bitten. Sei es Hilfe beim Hausbau oder sich zum hundertsten Mal meine die gleichen Dinge anzuhören, die mir auf dem Herzen lagen. Die mir einfach nur zugehört und nicht geurteilt haben. Oder auch einfach meine Tränen ertragen haben. Die sich immer wieder gemeldet haben, obwohl ich sie weggeschickt habe. Die es akzeptiert haben, wie ich es mache und mich auf meinem Weg unterstützt haben. Auch wenn das bedeutet hat, dass sich alles bei mir und vor allem ich mich, komplett verändert habe. Dazu zählen auch meine Kollegen und mein Arbeitgeber, die mir jeglichen Freiraum ermöglicht haben und unglaublich viel Rücksicht auf mich genommen habe.

Außerdem war da mein Hund Balu, den ich im Dezember nach Daniels Tod adoptiert habe. An den ganz schlechten Tagen war er mein Grund, morgens aufzustehen und an die frische Luft zu müssen.

Und am wichtigsten, und ich hoffe, das hört sich nicht komisch an: ich selbst. Mit meiner Entscheidung, aktiv an mir und meiner Sichtweise auf den Schicksalsschlag zu arbeiten, habe ich mir selbst die Basis geschaffen, weiter machen zu können. Ich hatte so einen starken Willen entwickelt. Ich war bereit alles zu verändern, wenn es sein müsste.

Eine besonders wichtige Einsicht in dieser Zeit (Das schreibe ich heute, über 2 Jahre später. Damals hätte ich diesen Gedanken überhaupt nicht annehmen können.): es liegt in meiner Hand, ob ich zerbreche oder ob ich ein gutes Leben führe. Das Leben gibt uns die schönsten und die schrecklichsten Momente, aber es liegt in unserer Hand welche Bedeutung wir ihnen geben.
Die Tatsache, dass Daniel nicht mehr hier ist, wird sich nicht verändern – das ist gesetzt. Aber ich habe die Wahlmöglichkeit, was ich daraus mache.

Es gibt ein sehr passendes Zitat „Lost is an lovely place to find yourself“. Das trifft es sehr gut. Denn ich habe mich in dieser Zeit zum ersten Mal in meinem Leben wirklich selbst gefunden und mich mit mir selbst auseinandergesetzt – und zwar nur, weil ich dazu gezwungen wurde.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Am wichtigsten: Du musst gar nichts. Du darfst auf deine Gefühle hören und das tun, was für dich richtig ist. Und wenn das bedeutet, dass du einfach nur da liegst und an die Decke starrst. Dann ist es das und auch völlig in Ordnung. Und wenn du nicht weißt, was richtig ist, dann darf auch das sein. Es ist völlig egal, was die anderen denken. Du musst überhaupt keine Erwartung erfüllen.

Außerdem: Nimm dir alle Zeit der Welt. Niemand hat das Recht zu urteilen, wie lange du brauchen darfst. Du musst nicht der/die Starke sein. Emotionen dürfen sein. In jeder Form und Ausprägung. Mir persönlich hat es geholfen, mir eine Zeit dafür zu setzen, damit das Loch nicht zu tief wird und ich es wieder nach oben schaffen kann. Also zum Beispiel: Du darfst jetzt eine Stunde weinen, alles rauslassen und dann klingelt aber ein Wecker, der dich rausholt.

Und zu guter Letzt: Auch, wenn du das jetzt überhaupt nicht annehmen kannst (und auch nicht musst), weil es absolut unvorstellbar ist: es kann wieder gut werden. Anders. Aber gut. Und du darfst dir das auch erlauben. Du darfst lachen, auch wenn du trauerst. Du darfst neue schönen Momente erleben, auch wenn sich das zu Beginn so falsch anfühlt.

Wie denkst du heute über Daniel und seinen Tod?

Ich habe dieses Jahr im August nach schwerer Krankheit meinen Vater verloren. Dass wir uns darauf vorbereiten konnten, hat es übrigens kein bisschen einfacher gemacht – nur so nebenbei, weil das oft gesagt wird.

Warum ich das erzähle, ist, dass mir besonders aufgefallen ist, wie sich mein Umgang mit dem Tod verändert hat. Ich konnte ihn annehmen, akzeptieren. Ich habe die letzten Momente mit meinem Vater als sehr schön empfunden, war ehrfürchtig. Konnte ihm Mut zusprechen. Ihm sagen, dass er gehen darf. Es war wieder unglaublich traurig und ich vermisse ihn sehr. Aber ich denke, ich habe ein tiefes Verständnis für den Lauf des Lebens gewonnen, das mich absolut bereichert und die letzten Momente auch für meinen Vater sehr wertvoll gemacht haben.

Was ich über Daniel und seinen Tod heute denke: Es gibt immer noch solche und solche Tage. Gerade jetzt im Oktober hat sich alles wieder gejährt. Schwierige Tage, die aber auch vorbei gehen. Er fehlt, das kann nicht kompensiert werden.

Mir ist aber auch bewusst, dass mein heutiges ich & er gar nicht zusammen funktionieren würden. Ich bin sehr stolz darauf, wer ich heute bin und wie ich das alles geschafft habe. Ich würde nie auch nur ansatzweise sagen, dass sein Tod in irgendeiner Art und Weise gut wäre, aber ich erkenne auch die Chance, die ich dadurch bekommen habe.

Daniel hat mir so viel gegeben und ich bin so dankbar, dass wir diese gemeinsame Zeit haben durften. Er wird für immer ein Teil von mir sein und ein Teil von mir ist mit ihm gegangen. Dass das wirklich alles so passiert ist, kann ich heute immer noch nicht wirklich greifen. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht.

Wie hat dich der Tod von Daniel verändert?

Ich bin ein komplett anderer Mensch. Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich an mein altes Ich denke. Das ist wie ein ganz anderes Leben. Ich habe so viel gewonnen, bin zutiefst dankbar und demütig.

Vom Planer, Organisator, Sicherheits- und Kontrollfreak bin ich zu einer spontanen Person geworden, die absolut im Moment lebt. Ich bin mutig und mache alle Dinge, die mir wichtig sind (und zwar nicht irgendwann, sonder jetzt). Ich sage Menschen, was sie mir bedeuten, auch wenn mich das verletzbar macht. Ich habe so viel Stärke und Selbstbewusstsein gefunden. Ich habe das Gefühl, egal in welche Situation ich noch geworfen werde in diesem Leben: ich kann das schaffen.

Ich habe eine ganz neue Leichtigkeit und Gelassenheit in meinem Leben gewonnen. Genieße alles viel mehr. Bin absolut gespannt und erwartungsvoll, was als nächstes kommt. Denn es kommt ja meistens ganz anders als gedacht. Außerdem bin ich viel verständnisvoller für andere Menschen geworden.

Ich habe nicht nur das Gefühl mich selbst gefunden zu haben, sondern auch mein Umfeld hat sich verändert: Ich verbringe meine Zeit nur noch mit Menschen, die mir ein gutes Gefühl geben. Weil Zeit so wertvoll ist. Und meine Beziehungen sind viel fester und intensiver, als früher.

Mir fallen noch unglaublich viele Dinge, Anekdoten und Eigenheiten ein, wenn ich an Daniel denke. Was ich aber hier viel lieber teilen möchte, ist ein Gedicht, das heute an meinem Kühlschrank hängt. Mir hilft es, das immer wieder vor Augen zu haben und nicht zu vergessen, dass es nicht nur ein schrecklicher Verlust war, sondern mir in diesem Moment auch viel gegeben wurde. Wie dankbar wir sein dürfen für das Leben. Vielleicht hilft es noch jemandem, der sich meine Geschichte durchliest für seinen eigenen Weg:

Ab und an
kehre ich zurück
an den Tag
der mir die tiefsten Narben
beigebracht hat
Der mich lehrte
nichts ist selbstverständlich
wie gnädig
er doch in Wirklichkeit war
als er alles nahm
und alles
was nötig war
schenkte

(Katja Wiskirchen – personalsister)

1 Kommentar

Ines 31. Oktober 2020 - 9:39

Danke für diesen bereichernden Beitrag. Er berührt mich sehr und ich finde mich zu teilen wieder.
Ein großes Danke!

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